Engstens verknüpft mit dem Begriff „Empowerment“ ist der Begriff „Ressource“. Wenn wir „Empowerment“ mit „Ermächtigung“ erklären, so wird deutlich, dass Menschen mit Beeinträchtigung nur dann im Sinne des Empowerments unterstützt und begleitet werden können, wenn Ressourcen freigelegt werden, deren Nutzung zu „Machtgewinn“ beiträgt. Als „Ressourcen“ werden im vorliegenden Kontext sämtliche Potenziale bezeichnet, denen die Eigenschaft innewohnt, die Lebensqualität einer Person zu erhöhen. Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass in der Arbeit für und mit Menschen mit Beeinträchtigung ein Konsens darüber herrscht, dass Lebensqualität in direkter Relation zum Umfang der Spielräume steht, die einem Menschen offenstehen. Solche Spielräume können zugunsten einer Existenz im Generellen oder auch nur oder primär in Bezug auf besondere Lebensbereiche anvisiert werden. In letzterem Fall konzentriert sich der/die unterstützende Begleiter/in beispielsweise auf die Auffindung eines adäquaten Arbeitsplatzes, die Identifizierung einer gewünschten Wohnsituation oder die Entdeckung persönlich attraktiver Freizeitaktivitäten.
Bevor gemeinsame Suchaktionen dieser Art in Angriff genommen werden, ist es notwendig, dass sich der/die empowernde Begleiter/in gemeinsam mit der Person auf die Suche nach Ressourcen macht, die die Person mitbringt. Diese Ressourcen sind nämlich nicht immer manifest, sondern oft oder sogar zum Großteil latent. Das Empowerment-Konzept basiert gerade auf der Prämisse, dass die Potenziale zahlreicher Menschen mit Beeinträchtigung verschüttet sind. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Versuchung groß ist, Menschen mit Beeinträchtigung zu unterschätzen und ihr Sosein auf Bedürftigkeit zu reduzieren. Der/Die sich zum Empowerment bekennende Begleiter/in macht diese Reduktion rückgängig und bietet ein Setting an, in dem das Prinzip der Augenhöhe gilt. Wer dieses Setting vorbereitet, ist sich bewusst, dass einer erlebten Unterschätzung keine zu erlebende Überschätzung entgegengestellt werden darf, und dass Momente der Bedürftigkeit im Leben seines/ihres Gegenübers sehr wohl vorhanden sind, unabhängig davon, wie stark diese in der Vergangenheit in den Mittelpunkt gerückt wurden.
Um mit Hilfe anderer Personen Ressourcen ans Tageslicht zu fördern, muss ein Mensch mit Beeinträchtigung eine fundamentale Ressource bereits mitbringen. Es empfiehlt sich, hier zwei Ebenen zu unterscheiden. Was wie ein Zirkelschluss klingt, fußt auf der Differenzierung zwischen einer Basis-Ressource und jenen weiteren Ressourcen, die ihrerseits nur mit Hilfe dieser Basis-Ressource benannt werden können. Diese fundamentale Ressource ist die Fähigkeit und, vielleicht noch stärker, die Bereitschaft der Person, sich auf den Prozess der Ressourcensuche einzulassen. Zu dieser Fähigkeit gehören die Offenheit, in Dialog zu treten, und die Lust, Neues zu entdecken. Wer gewohnt ist, zwischen „Beeinträchtigung“ und „Behinderung“ zu unterscheiden, hat zur Erläuterung der Vorteile dieser Begrifflichkeit gerade Beispiele wie dieses ins Feld geführt. Behinderung, so heißt es unter diesen Voraussetzungen, entsteht, wenn nichts unternommen wird, um auf die Beeinträchtigung zu reagieren. Behinderungen können also Produkte der Gesellschaft oder auch Produkte der beeinträchtigten Person selbst sein. Empowerment ist, mit anderen Worten, der im Dialog sich vollziehende Versuch der Verhinderung hausgemachter Formen dessen, was wir in Abgrenzung zum Begriff „Beeinträchtigung“ als „Behinderung“ bezeichnen.
Bringt nun eine Person die genannte Basis-Ressource mit, ist der Weg frei für die Suche nach jenen Ressourcen, von deren Gebrauch angenommen wird, dass sie zur Steigerung der Lebensqualität beitragen. Einen Typ von Ressourcen bilden die persönlichen, die in der Literatur in physische, psychische und relationale unterteilt werden. Jeder Mensch ist zu jeder Zeit in einer bestimmten körperlichen Verfassung, die entweder ausreicht oder verbessert werden kann, um dieser oder jener körperlichen Herausforderung gerecht zu werden. Die Benennung physischer Ressourcen ist häufig bei der Identifizierung eines passenden Arbeitsplatzes relevant. Dasselbe gilt für psychische Ressourcen, wenn ein möglicher Arbeitsplatz zwar weniger körperliche Anstrengungen kostet, dafür aber eine gewisse geistige Beweglichkeit oder einen gewissen Grad an Stressresistenz erfordert. Ein zweiter Typ von Ressourcen sind die mitweltlichen. Unter diesen versteht man sämtliche Kraftquellen, die von nahestehenden Menschen ausgehen. Kraftquellen dieser Art können in der Familie, in der weiteren Verwandtschaft, in der Nachbarschaft oder in einem Freundeskreis vorhanden sein, wobei diese Netzwerke zu weiterführenden Ausgestaltungen ihrer Interaktionen angespornt werden können. Den dritten und in dieser Aufzählung letzten Typ von Ressourcen stellen die sozialen Dienste dar, deren Hilfen die Person in Anspruch nimmt. Alle Ressourcen, die im Dialog konkret identifiziert werden, egal ob manifest vorhanden, ausbaufähig oder unter der Oberfläche schlummernd, sind für das Leben der Person potenziell von Relevanz und verdienen einen Eintrag ins Tagebuch.
Der/Die empowernde Mitarbeiter/in hält diese Potenziale gemeinsam mit der unterstützten Person fest und nimmt sie als Ausgangspunkte für weitere gemeinsame Reflexionen, Diskussionen und Initiativen. Die Auseinandersetzung mit ihnen erfordert nicht nur Geduld und Ausdauer, sondern auch permanente Sprünge von der individuellen Perspektive hin zu jener der Netzwerke und wieder zurück. Gleichzeitig sind sämtliche Ressourcen systemisch miteinander verknüpft, variieren im Laufe des Austauschs in ihrer jeweils momentanen Relevanz und ändern mit der Zeit ihre Qualitätsgrade. Doch bei aller Beweglichkeit in dieser Art des zwischenmenschlichen Umgangs liegt das Entscheidende in der Wahrnehmung des Gegenübers als Besitzer/in von Möglichkeiten anstatt als Träger/in von Defiziten, auf die man am besten mit Verzicht reagiert.
Lebenshilfe Südtirol