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Wider die Ohnmacht

Empowerment
Beim Spiel

Das Wort „Empowerment“ wurde erstmals vor einem halben Jahrhundert im englischen Sprachraum verwendet. Die deutsche Erklärung „Ermächtigung“ behält den Wortteil „Macht“ bei und trägt damit dessen Zentralität Rechnung. „Empowerment“ wird allerdings nicht ins Deutsche übersetzt, sondern hat mittlerweile als modernes Fremdwort, wenn auch als spezieller Fachbegriff, in die deutsche Sprache Eingang gefunden.

Der Wortteil „Macht“ meint im Zusammenhang mit Empowerment sämtliche Möglichkeiten einzelner Menschen oder menschlicher Gemeinschaften, im Sinne von Selbstbestimmung und Mitsprache das eigene Leben autonom zu gestalten. Schreitet man sodann zum Wort „Ermächtigung“ weiter, so sprechen wir davon, dass Menschen entweder in eigener Initiative Maßnahmen ergreifen, sich Macht zu erkämpfen, oder davon, dass Menschen von anderen unterstützt und ermutigt werden, sich Macht anzueignen. Diese spontanen bzw. animierenden Maßnahmen laufen alle darauf hinaus, Stärken und Ressourcen ausfindig zu machen, zu festigen, in die Person bzw. in die Gemeinschaft zu integrieren und in der Folge nutzbar zu machen. Diese Prozesse bzw. Maßnahmen sind in der Regel Reaktionen auf bewusste, halbbewusste oder unbewusste Ohnmachtserfahrungen und haben in manchen Kontexten die Farbe des Protests, in anderen des schlichten Einverständnisses mit von außen herangetragenen Vorschlägen, in der eigenen Biografie auf stärkende Veränderungen hinzuarbeiten.

Seine ersten Verwendungen fand „Empowerment“ im Zusammenhang mit verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen. Gesellschaftliche Konstellationen produzieren immer wieder aufs Neue Kategorien, die benachteiligt, diskriminiert und unterdrückt werden, beispielsweise aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer religiösen Bekenntnisse. Hier liegen die Wurzeln des Empowerment-Konzepts. An den Rand gedrängte Gruppierungen organisieren sich und wehren sich gegen Ungleichheiten und erlebte Ausgrenzungen. Sie beschreiten den Weg der Selbstermächtigung, indem sie sich kraftvoll zu Wort melden und ihre Rechte einfordern. Gewaltbereitschaft ist dabei in der Regel eine Randerscheinung, kann jedoch ab einer bestimmten Intensität des Widerstands auftreten. In diesem Sinn hat Empowerment zwar eine prinzipiell revolutionär-kriegerische Komponente, ist aber seinem Wesen nach ein Demokratisierungsprojekt.

In einem zweiten Schritt betrat das Empowerment-Konzept andere Bühnen, so auch jene der sozialen Arbeit. Auf diese Weise kam es zu einer Ausdehnung des Grundgedankens auf andere Kontexte, die aber starke Ähnlichkeiten mit den ursprünglichen aufweisen. Wenn im Zusammenhang mit Menschen mit Beeinträchtigung von Empowerment gesprochen wird, fällt auf, dass Ermächtigungsprozesse in der Regel nicht von Personen für sich selbst in Gang gesetzt werden, sondern von Personen zugunsten anderer Personen. Selbstermächtigung tritt hier zurück und überlässt den Platz der Ermächtigung von Personen durch die Unterstützung und die Begleitung nicht selbst Betroffener. Mitarbeiter/innen im Sozialen empowern Nutzer/innen, indem sie sie unterstützen, den klassischen Betreuten-Status, der dazu führt, dass eine ganze Reihe von Stärken und Fähigkeiten brachliegt, zu transzendieren. Empowerment bedeutet in der sozialen Arbeit nicht, mit Lautsprechern gegen politische Machthaber zu demonstrieren, um Gerechtigkeit für sich selbst einzufordern, sondern sich einer Person zuzuwenden, um diese bei der Entdeckung latenter Potenziale zu flankieren, von deren Aktivierung eine Steigerung der Lebensqualität zu erwarten ist.

Begegnet ein/e Mitarbeiter/in in der sozialen Arbeit mit dem Interesse an Empowerment einem Menschen mit Beeinträchtigung, so tut er/sie dies auf der Basis einer Grundhaltung, die in der Arbeit für und mit Menschen mit Beeinträchtigung noch keineswegs selbstverständlich ist. Er/Sie betrachtet die Person nach dem „Mensch-zuerst“-Grundsatz, der für viele Selbstvertretungsgruppen namensgebend war und im Wesentlichen besagt, dass eine Beeinträchtigung nicht das Ganze, sondern nur einen Teil einer Person ausmacht. Daraus folgt, dass Menschen mit Beeinträchtigung, wie alle anderen auch, mit Stärken und Schwächen leben und nicht auf Defizite reduzierbar sind. Es bedeutet weiters, dass der/die Mitarbeiter/in Menschen mit Beeinträchtigung prinzipiell für fähig erachtet, Expert/inn/en ihres eigenen Lebens zu sein, sobald sie geeignete Rahmenbedingungen vorfinden, sich als solche zu artikulieren, notfalls auch mit Hilfe Unterstützter Kommunikation. Es bedeutet auch, dass Begegnungen so organisiert werden, dass sie auf Augenhöhe ablaufen, jenseits aller herkömmlichen Machtgefälle, in denen der/die Betreuer/in die wissende und anleitende, im Extremfall entmündigende Instanz verkörpert. Komplementäre Beziehungen verwandeln sich in symmetrische, in denen Dialoge Direktiven und Kooperationen Operationen ablösen. Die Abkehr von der defizitorientierten Begegnung führt zu einer Orientierung an den Ressourcen, die zum Ausgangspunkt von Experimenten werden, in denen ein selbstbestimmtes, teilhabendes und am Ende nicht mehr und nicht weniger als der Person entsprechendes Leben getestet wird.

Dies alles lässt den Schluss zu, dass eine moderne Arbeit für und mit Menschen mit Beeinträchtigung ohne das Empowerment-Konzept nicht mehr denkbar ist. Vielleicht gibt es die eine und andere Praxis, die dieser Beschreibung entspricht, ohne dass der Begriff „Empowerment“, weil noch unbekannt, verwendet wird. Doch sein Gebrauch empfiehlt sich, da dem Wortteil „Power“ (= Macht) eine bewusstseinserweiternde Kraft innewohnt und eine Vielzahl von Assoziationen weckt, die vertiefte Reflexionen zur Praxis der Unterstützung und der Begleitung anregen können. 

Lebenshilfe Südtirol