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Zukunft in der Gegenwart

Wohnen
Armin Reinstadler

PE: Vor ziemlich genau zwei Jahren kam es in Südtirol zur Gründung der Stiftung nach uns.dopo di noi. Ich möchte mich mit dir in deiner Eigenschaft als Präsident dieser Stiftung über ein paar zentrale Aspekte unterhalten, die diese neue Vereinigung kennzeichnen. Vielleicht eignet sich dieses Gespräch als Einführung für alle Eltern, die begonnen haben, sich über die Zukunft ihrer heranwachsenden oder erwachsenen Kinder mit Beeinträchtigung Gedanken zu machen. Denn für diese möchte die Stiftung nach uns.dopo di noi Anlaufstelle und Ansprechpartner sein. Beginnen wir also unser Gespräch mit der Frage nach den Zielen dieser Stiftung.

Reinstadler: Die Stiftung nach uns.dopo di noi richtet sich an Eltern und deren beeinträchtigte Kinder, die bei ihnen wohnen und, abgesehen von den Tätigkeiten in der Schule, am Arbeits- oder am Beschäftigungsplatz, den Großteil ihres Alltags bei ihnen verbringen. Ist das Leben der Kinder in dieser Weise organisiert, geht das so lange gut, wie die Eltern da sind und Betreuungsaufgaben erfüllen können. Dieses System kann aber nicht für immer aufrechterhalten werden, da der Moment kommen wird, an dem die Eltern aus Gesundheits- bzw. aus Altersgründen diese Betreuung nicht mehr zu leisten in der Lage sind. Viele Eltern machen sich deshalb, die einen früher und die anderen später, Gedanken darüber, wie die Zeit „nach ihnen“ aussehen wird. Im Namen der Stiftung ist bereits das Programm enthalten. Die Stiftung möchte sich dahin entwickeln, dass es irgendwann möglich wird, dank ausreichender Ressourcen Unterkunft, Betreuung und Begleitung von Menschen mit Beeinträchtigung in genau der Form zu organisieren, wie es sich die Familie vorstellt. Das Personal der Stiftung wird nie den Anspruch erheben, die Eltern ersetzen zu können. Doch es sollen Möglichkeiten geschaffen werden, den Personen im Verlauf ihres weiteren Lebens Umfelder zu bieten, die möglichst nahe an das heranreichen, was sie gemeinsam mit ihren Eltern kennen gelernt haben.

PE: In euren Statuten ist von „progressivem Vermögensaufbau“ die Rede. Was kann man sich konkret darunter vorstellen und wie kann ein solcher verwirklicht werden?

Reinstadler: Die Stiftung nach uns.dopo di noi verfügt bereits heute über ein gewisses Kapital. Mit den Zinsen, die die in der Südtiroler Sparkasse angelegten Wertpapiere abwerfen, verfügen wir über eine Grundausstattung, mit der wir in der gegenwärtigen Phase wirtschaften und arbeiten können. Ein progressiver Vermögensaufbau kann erfolgen, wenn Spenderinnen und Spender die Stiftung zu unterstützen beginnen und Familien irgendwann Immobilien bzw. finanzielle Mittel der Stiftung übertragen, die dazu verwendet werden sollen, ihre Kinder unterstützend zu begleiten, und so lange zweckgebunden bleiben, wie diese Unterstützung notwendig ist. Im Extremfall des Ablebens der begünstigten Kinder können diese Mittel dann, dem Stiftungszweck entsprechend, zugunsten anderer Personen weiterverwendet werden. Auf diese Weise sichern wir die Gemeinnützigkeit der Stiftung, denn langfristig soll es keine Rolle spielen, ob jemand vermögend ist oder nicht. Bei vorhandenen Ressourcen finden alle Familien Zugang zur Stiftung, auch solche, die kein Vermögen, welcher Art auch immer, in die Stiftung einzubringen imstande sind.

PE: Welche sind die Schwerpunkte eurer Arbeit?

Reinstadler: Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, zwischen den faktisch gegenwärtigen und den erhofften zukünftigen Schwerpunkten zu unterscheiden. In dieser noch jungen ersten Phase wird viel Wert auf Öffentlichkeitsarbeit gelegt. Pressekonferenzen, Bekanntmachungskampagnen und Tage der offenen Tür sollten auf möglichst breiter Ebene informieren und auf diese Weise Familien ansprechen, denen die Frage „Wie geht es mit unseren Kindern weiter, sobald wir nicht mehr sind?“ am Herzen liegt. Wir wussten von Anfang an um die Dringlichkeit der Thematik, aber ebenso, dass wir mit größter Behutsamkeit an die potenziell interessierten und gleichzeitig zu einem großen Teil skeptischen Familien würden herantreten müssen. Wir bieten Beratungen an und gönnen uns kleine Schritte. Diese können auch nur darin bestehen, in von Familien geliehenen Räumlichkeiten Wohntrainings anzubieten oder mit ähnlichen individuellen Projekten zu experimentieren. Auch für zwischenzeitliche Entlastungsmomente können sich Eltern an uns wenden. In dieser Anfangsphase geht es uns also nicht um den Aufbau von Vermögen, sondern um den Gewinn von Vertrauen. Erst sobald dieses Vertrauen hergestellt sein wird, werden wir beginnen können, an unsere aus heutiger Sicht langfristigen Ziele zu denken. In unseren Beratungsgesprächen, die den gegenwärtigen Schwerpunkt unserer Arbeit darstellen, sind gelegentlich auch Missverständnisse auszuräumen. Die Stiftung nach uns.dopo di noi ist keine Struktur nach öffentlichem Muster, die Wohneinrichtungen führt und Assistenzleistungen aus dem Ärmel schüttelt. Jedes einzelne Projekt vollzieht sich nur in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Familie selbst. Wie lange es dauert, bis wir in konkreter Weise unsere langfristigen Ziele erreichen, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschätzbar. Wir müssen abwarten und zusehen, wie sich die Interaktionen entwickeln. Für Eltern von Personen mit Beeinträchtigung stellt eine Vermögensübertragung verständlicherweise eine große Hürde dar. Deshalb denken und handeln wir in kleinen Schritten und arbeiten daran, als vertrauenswürdiger Partner wahrgenommen zu werden.

PE: Was kannst du mir zur Vorgeschichte der Stiftungsgründung erzählen?

Reinstadler: „Dopo di noi“ ist ursprünglich nicht der Name einer Stiftung, sondern der Name einer Idee. Der italienische Staat verabschiedete vor zehn Jahren ein Gesetz, demzufolge an einer Nach-uns-Vorsorge zugunsten ihrer Kinder interessierte Eltern bei der Nutzung der entsprechenden Instrumente im Zivilrecht, im Versicherungsrecht und anderen Institutionen von sämtlichen Steuern und Gebühren befreit wurden. Die Eltern genossen zwar diese Erleichterungen, blieben bei der Entwicklung von Projekten aber auf sich allein gestellt, da der Staat selbst nicht näher organisatorisch tätig wurde. Aus diesen Gründen mangelte es dieser Maßnahme an Attraktivität. Auch die Lebenshilfe, Hauptpromotorin im Vorfeld der Stiftungsgründung, machte die Erfahrung, dass Eltern, wohl auch aus emotionalen Gründen, sich schwertaten, Wohnprojekte auf dem Hintergrund des Nach-uns-Gedankens in Angriff zu nehmen bzw. aktiv mitzutragen. An diesem Punkt nahmen wir uns vor, den umgekehrten Weg einzuschlagen. Anstatt mit Pilotprojekten auf die Familien zuzugehen, dachten wir an die Gründung einer Vereinigung, die sich mit einem Angebot positionieren und auf Interessenten warten sollte. Die Sozialgenossenschaft Sophia unter der Federführung von Karl Tragust erarbeitete auf wissenschaftlich fundierte Weise sämtliche Voraussetzungen organisatorischer, juristischer und wirtschaftlicher Natur und präsentierte diese in einem gut besuchten Workshop. Für die Gründung der Stiftung im April 2024 zeichneten schließlich insgesamt 9 Vereinigungen verantwortlich. Die vier Hauptstifter waren die Lebenshilfe, die Stiftung Südtiroler Sparkasse, die Vinzenzgemeinschaft und der Verein für Sachwalterschaft, denen sich die fünf Mitstifter Dachverband für Soziales & Gesundheit, der Verein Aktive Eltern von Menschen mit Behinderung AEB, der Elternverband hörgeschädigter Kinder EHK, der Verein Ariadne und die Associazione Italiana Assistenza Spastici AIAS hinzugesellten.

PE: Wie ist die Stiftung nach uns.dopo di noi strukturiert?

Reinstadler: Die Basis der Stiftung bilden die heute rund 40 Mitglieder, die sich aus betroffenen wie auch nicht-betroffenen, aber grundsätzlich an der Thematik interessierten Personen zusammensetzen. Die Mitgliederversammlung wählt 10 Personen in den Stiftungsrat, dem weitere 10 Personen angehören, die von den Trägerorganisationen ernannt werden. Der Stiftungsrat seinerseits wählt den 6-köpfigen Verwaltungsrat und den 3-köpfigen Aufsichtsrat, die engmaschig zusammenarbeiten und sich einmal monatlich zu den Verwaltungsratssitzungen einfinden. Den operativen Bereich leitet eine hauptamtlich tätige Geschäftsführerin.

PE: Dann darf ich zum Abschluss dieses Gesprächs im Namen eures gesamten Teams alle interessierten Familien zu einem persönlichen Gespräch oder zu einem Tag der offenen Tür an eurem Sitz am Bozner Waltherplatz einladen …

Lebenshilfe Südtirol