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Kontexte, Aushandlungen, Wirksamkeiten …

Reinhard Gunsch

PE: Systemisches Denken und Arbeiten beruht auf einer Reihe von Grundannahmen, von denen mir zwei zentral erscheinen. Die erste lautet, dass Personen miteinander verwoben sind und ihre Beziehungen zugleich als relative Ganzheiten wie als Teile in Systemen leben, die auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind und deshalb selbst wiederum relative Ganzheiten und Teile zugleich darstellen. Die zweite dieser Grundannahmen lautet, dass alle zwischenmenschlichen Systeme konstruiert und daher veränderbar sind. Die Literatur belegt, dass für die Sozialarbeit und die Sozialpädagogik aus diesen Annahmen eine ungeahnte Fülle von Schlussfolgerungen gezogen werden kann. Ich schlage vor, wir verzichten in unserem Gespräch auf Systematik und greifen einige Aspekte auf, die systemische Sozialarbeit ihren eigenen Umschreibungen zufolge charakterisieren. Anstatt dir Fragen zu stellen, möchte ich dir Zitate unterbreiten und dich bitten, diese im Lichte unserer Themenstellung zu kommentieren. Ich beginne mit einem Zitat von Ulrich Pfeifer-Schaupp: „Sozialarbeiterisches Handeln ist immer bezogen auf eine Person in ihrer sozialen Umwelt.“ 

Gunsch: Ich benutze dieses Zitat, um mit „Kontext“ einen zentralen Begriff ins Spiel zu bringen, wenn wir von systemischer Sozialarbeit sprechen. Jede Person und jedes Gefüge seinerseits sind von Umfeldern umrahmt, in denen es unterschiedliche Standpunkte und Wahrnehmungen gibt. Außerdem ist es sehr wichtig zu erkennen, dass man Kontexte in einem gewissen Sinn herstellen kann, indem man Zusammenhänge ernstnimmt und fördert. Wir können zum Beispiel Betreuungsarbeit für Menschen mit Beeinträchtigung auf stationäre Einrichtungen beschränken oder aber im gesamten Gemeinwesen ansiedeln. Das bedeutet, dass sich Spielräume öffnen, wenn wir Kontexte neu bestimmen bzw. Grenzen erweitern oder reduzieren. Ein anderes Beispiel bietet das System Schule. Die relevanten Kontexte können sich ändern je nach Definition dessen, worin Integration von Schüler/inne/n mit Beeinträchtigung bestehen soll. Konzentrieren wir unseren Blick nur auf die Beziehung zwischen dem/der Schüler/in und der Stützlehrkraft, so trägt diese Interaktion die alleinige Verantwortung für eine gelingende Integration. Wir schaffen aber viel mehr Spielräume, wenn wir den Kontext des Schülers bzw. der Schülerin auf den Klassenraum, die gesamte Lehrerschaft, die Schule mitsamt all ihren Klassen und vielleicht sogar auf Figuren wie Schuldiener und Sportwart ausdehnen. Durch diese Erweiterung des Kontextes ergeben sich neue Aspekte und Möglichkeiten von Inklusion (siehe Jutta Schöler: Auf dem Weg zur Schule für alle, F.-Ebert-Stiftung 2010). 

PE: Ich zitiere Britta Haye: „Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Menschen betrachten die Welt nach jeweils eigenen Vorstellungen, Normen und Werten, die aus ihren Erfahrungen entstehen. Die Erfahrungen der Menschen beeinflussen das Denken, Handeln und Fühlen. Daher wissen Klienten auch am besten, was gut für sie ist, und manchmal benötigen sie Unterstützung.“ 

Gunsch: Ich erinnere mich an unseren Auftrag in den 1980er Jahren, Menschen mit Beeinträchtigung in die Berufsschulen einzugliedern und auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Für einen Betroffenen hatten wir einen geschützten Arbeitsplatz in der damals neu eröffneten Seeburg angedacht. Seine Vorstellungen von Autonomie und persönlicher Lebensführung stimmten jedoch mit unseren nicht überein, was ihn dazu veranlasste, uns Fachpersonen Widerstand zu leisten. Heute arbeitet er in einem öffentlichen Betrieb, hat eine eigene Familie und gestaltet sein Leben, das ganz anders aussieht als jenes, das wir Pädagog/inn/en, Sozialarbeiter/innen und Psycholog/inn/en für ihn programmiert hatten. Sein „Ungehorsam“ gegenüber den Expert/inn/en führte zu einer vollkommen anderen Lösung. Wenn ich die systemische Sozialarbeit verfechte, bekenne ich mich zum Respekt vor der Autonomie der Person und sehe meine eigene Rolle als Professioneller in der eines Mediators und auf keinen Fall in der eines Gestalters von Biografien anderer Personen. Damit öffne ich nicht nur Spielräume für andere Menschen, sondern auch für mich selbst. Nur im Dialog lerne ich breit gefächerte Lösungsmöglichkeiten kennen. Dem systemisch denkenden Professionellen sind Alleingänge und Eigenregie fremd. Er versteht sich vielmehr als gleichzeitiger Beobachter und Mitgestalter in einem umfassenderen Ganzen, in dessen Mittelpunkt sich die zu begleitende Person befindet. 

PE: Ich zitiere Renate Zwicker-Pelzer: „Ressourcenanalyse und Ressourcenarbeit und die aus der systemischen Therapie bekannte Haltung und Überzeugung, dass der Adressat von Sozialarbeit der Problemlösung selber mächtig ist, würde ich als die Hauptpfeiler und damit als das Kerngeschäft von systemischer Sozialarbeit sehen.“ 

Gunsch: Ganz im Sinne der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) halte es für sehr wichtig, das Augenmerk auf Potenziale und Ressourcen zu legen und diesen mit Achtung und Wertschätzung zu begegnen. Ich verstehe darunter zunächst die in der Person selbst steckenden Potenziale und grenze diese Haltung von jeder Art des Defizitdenkens ab, wie es traditionell für das medizinische Behandlungsfeld kennzeichnend war oder zumindest teilweise immer noch ist. Ich denke in einem weiteren Schritt aber auch an Ressourcen in den engeren Umfeldern der Personen und in den jeweiligen Sozialräumen, in denen sie auch mit Unterstützung der Sozialdienste handeln. Mit der Konzentration auf Potenziale und Ressourcen ist auch eine differenzierende Betrachtungsweise verbunden. Jeder Mensch ist einzigartig und bringt individuelle Stärken mit, was einförmige Lösungen obsolet macht. 

PE: Ich zitiere Ludger Kühling: „Systemische Sozialarbeit ist die Kunst, zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitsbeschreibungen, Interessens- und Auftragslagen, Beschreibungen von Schwierigkeiten und Ressourcen unter der Maxime der Wertschätzung von Menschen und der Würdigung ihrer Leistungen allparteilich zu vermitteln.“ 

Gunsch: Wer systemisch denkt, setzt in seiner Arbeit auf den so genannten Wirksamkeitsdialog, in dem eine Mehrzahl von Akteur/inn/en gemeinsam mit der betroffenen Person immer wieder verweilen, Rückschau halten, Bilanz ziehen und neue Zukunftsmöglichkeiten ins Auge fassen. Unterschiedliche Wahrnehmungen treten in einen gemeinsamen Dialog und konfrontieren sich miteinander. Dies alles vollzieht sich durch eine breite Partizipation, die das selbsternannte Expertentum ersetzt. Das bringt mit sich, dass jede einzelne Situation zu einem individuellen Auftrag an den Sozialdienst führt. Es ist nicht mehr möglich, einfach nur im Leistungskatalog zu blättern und Standardlösungen anzubieten. Vielmehr ist es die Person selbst, die einen Auftrag erteilt und sodann in einen auf Augenhöhe geführten Aushandlungsprozess eintritt. 

PE: Ich zitiere Theodor M. Bardmann: „Alles was der systemischen Sozialarbeit in ihrem Handlungsfeld begegnet (Systeme, Menschen, Fälle Probleme, Lösungen, Programme, Strukturen, Prozesse usw.), ist sozial konstruiert und deshalb auch sozial veränderbar.“ 

Gunsch: Mit der Vorstellung der Veränderbarkeit verbinde ich die Vorstellung einer nicht vorgefertigten, sondern offenen Zukunft. Jedes System ist beweglich und wirkt auf andere bewegliche Systeme ein. So kommt es zu Interaktionen, die in Lösungshypothesen münden. Vergangenheit und Gegenwart werden dabei in dem Sinn relativiert, dass sie die Zukunft nicht linear determinieren. Laut dem systemischen Ansatz verlaufen individuelle Entwicklungen nicht notwendigerweise gleichförmig und drehen sich manchmal sogar im Kreis. Unser Zeitgeist, der die Gesetze der freien Wirtschaft widerspiegelt, tendiert freilich zu einer ganz eigentümlichen Effizienz- und Kostenorientierung und fordert konkret messbare Erfolge innerhalb vorgegebener Intervalle. Was wir aber im Sozialen Wirksamkeit nennen, muss wohl an anderen Standards gemessen werden. 

Lebenshilfe Südtirol