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Solidarität und Inklusion als Grundwerte

Politik
Philipp Achammer

PE: Im vergangenen Frühjahr nahmen Sie in Ihrer Eigenschaft als Obmann der Südtiroler Volkspartei an einem von der Lebenshilfe organisierten Runden Tisch zum Thema „Sozialbudget – Ein Wert für alle“ teil. Dabei benannten Sie das Prinzip der Solidarität und sprachen von der Notwendigkeit der Orientierung an individuellen Stärken. Inwiefern sind diese Stichworte von Bedeutung, wenn man sich Gedanken zum Sozialbudget macht? 

Achammer: Wenn sich die Politik mit dem Haushalt beschäftigt und bestimmte Schwerpunkte setzt, laufen das Soziale und mit ihm auch Bereiche wie Bildung und Kultur immer wieder Gefahr, als weiche Kostenfaktoren betrachtet zu werden. Ich bin jedoch der Meinung, dass Investitionen in diesen Bereichen einen höchst bedeutsamen Stellenwert haben, da sie die Grundwerte unserer Gesellschaft widerspiegeln. Diese Grundwerte lassen sich auf verschiedene Weisen umschreiben, doch ich glaube, dass wir sie mit den beiden Begriffen „Solidarität“ und „Inklusion“ bestens auf den Punkt bringen können. Wir sehen uns verpflichtet, uns unserer Mitmenschen anzunehmen und alles zu unternehmen, damit eine umfassende Teilhabe gewährleistet ist. Auf dieser gemeinsamen Basis lassen sich verschiedene Diskussionen führen, wie Solidarität verstanden werden sollte und Inklusion realisiert werden kann. Ich persönlich sehe in einer solidarischen Haltung weniger Akte des eindimensionalen Helfens, sondern zuallererst die Bemühung, jedem Menschen, unabhängig von seiner physischen, mentalen oder psychischen Verfassung bzw. Eigenart, die Möglichkeit zu geben, selbstwirksam zu sein. Jeder einzelne Mensch ist angehalten, sich entsprechend seinem individuellen Potenzial in die Gesellschaft einzubringen und dadurch zum Gelingen der Gesellschaft beizutragen. Wer damit ohne Unterstützung gewisse Schwierigkeiten hat, soll jene Unterstützung bekommen, die er benötigt. Dabei geht es meiner Auffassung nach erst in zweiter Linie um das, was wir Versorgung nennen, und in erster Linie um die Befähigung, selbstwirksam zu sein. Menschen haben ihre unhinterfragbare Würde und sind jederzeit, auch im Falle eines überdurchschnittlich hohen Unterstützungsbedarfs, darauf angelegt, selbst aktiv zu sein. Jede Form der Unterstützung muss demnach von der Frage ausgehen, welche die persönlichen Ressourcen der unterstützungsbedürftigen Person sind, auf die man aufbauen kann. 

PE: Das Sozialbudget wäre demnach, so klingt hier durch, ein Wert für alle, indem es ein Wert für das Gesamte in seiner Entwicklung ist. 

Achammer: Gelingt Inklusion im Sinne der Teilhabe eines jeden Einzelnen an der Gesellschaft entsprechend seinen individuellen Möglichkeiten und Stärken, so ist das Ergebnis in jedem Fall ein Mehrwert nicht nur für diesen oder jenen Einzelnen, sondern für die gesamte Gesellschaft, die damit ihre Grundwerte, ihr Bekenntnis zu einem friedlichen und solidarischen Zusammenleben, zum Ausdruck bringt. Mit dem Sozialbudget investieren wir also nicht in einen spezifischen Sektor, sondern in die Gesellschaft als Ganzes. Ebenso wie das Bildungsbudget ist das Sozialbudget zum Wohle aller. Es fördert den Ausgleich, schärft die Wahrnehmung und verhilft zur Realisierung oder zur Aufrechterhaltung von Selbstwirksamkeit, wobei die Konzentration auf Stärken und Talente sowohl im Sozialen wie auch im Bildungsbereich von zentraler Bedeutung ist. In den Schulen etwa ist diese Haltung unabhängig vom Vorliegen oder der Abwesenheit einer Beeinträchtigung grundlegend und am Ende ein Mehrwert für die gesamte Gesellschaft, weil auf diese Weise jeder die Chance hat, sich entsprechend seinen Möglichkeiten in sie einzubringen. 

PE: Wenn wir von Grundwerten sprechen, betreten wir eine ethische Dimension. Ist diese Dimension in der politischen Diskussion immer präsent? 

Achammer: Bevor sich die Politik über die Verteilung von Geldern unterhält, muss ein Konsens darüber herrschen, in welche Richtung unsere Gesellschaft sich bewegen will, was sie für sich herstellen will und was ihr wichtig ist. Dies sind Fragen, die ausdrücklich oder implizit geklärt sein müssen, bevor das konkrete politische Geschäft beginnt. Ich selbst gehe davon aus, dass Inklusion ein hoher Wert ist und die Gesellschaft wie kein zweiter stärkt. Was der Inklusion dient, muss unterstützt und folglich auch mit finanziellen Mitteln gefördert werden. Das Soziale ist genauso wenig wie der Bildungsbereich ein weicher Kostenfaktor, denn Investitionen in diesen Bereichen sind Investitionen in eine sich in die Zukunft hinein entwickelnde, sich dem Prinzip der Solidarität verpflichtende Gesellschaft. Wir sprechen von Menschenrechten und der Würde des Menschen, können aber, um das Ganze greifbarer zu machen, genauso gut den Begriff „Nutzen“ verwenden. Es ist für uns alle „nützlich“, wenn wir in einer solidarischen Gesellschaft leben, unsere Stärken zum Ausdruck bringen und selbstwirksam sein können sowie in unserer Mündigkeit wahrgenommen werden. 

PE: Sollen demnach Menschen, die Unterstützung brauchen, gefordert werden? 

Achammer: Diese Formulierung erscheint mir zu stark, aber ich denke, dass jeder unterstützungsbedürftige Mensch das Recht hat, individuell angemessen, also seinen Fähigkeiten entsprechend animiert zu werden. Es gibt keinen Grad an Unterstützungsbedürftigkeit, der keine Form der Selbstwirksamkeit mehr zuließe. Jeder Mensch ist jederzeit darauf angelegt, Dinge selbst und autonom zu verrichten, und keiner, sich als handlungsunfähiger Hilfeempfänger zu erleben. Animation ist selbst bei hohem Unterstützungsbedarf einer Person einen Versuch wert. Ich kenne analoge Beispiele aus dem Schulbereich. Es gibt genügend Kinder, die wohl aufgrund wiederholter negativer Zuschreibungen im Elternhaus eingeschüchtert sind und sich wenig zutrauen, dann aber ermutigt werden, ein neues Selbstgefühl entwickeln und sich plötzlich bei einem Gelingen erleben, das sie sich bis dahin nicht zugetraut hätten. Wenn ich also von Animation spreche, dann meine ich, dass jemand dem anderen dazu verhilft, eine Stärke oder ein Talent kennen zu lernen. Genugtuung kann ein Mensch nur erfahren, wenn er sich als selbstwirksam erlebt. Dies gilt für alle Menschen, egal ob jung oder alt, egal ob mit Beeinträchtigung oder ohne. 

PE: Soziale Arbeit, Lehrtätigkeit und Ähnliches setzen also besondere kommunikative Fähigkeiten voraus … 

Achammer: Wer berufsmäßig andere Menschen unterstützt, muss jene Werte verinnerlicht haben, auf die wir als gesamte moderne Gesellschaft heute setzen. Er muss ein Gefühl für den „Nutzen“ der Inklusion in einer solidarischen Gesellschaft besitzen, das er jemandem weitervermittelt, der es eines Tages selbst weitervermitteln wird. Vielleicht haben wir mit diesen Werten einen Kontakt zu unserer natürlichen Veranlagung hergestellt. Es gibt Kinder und Jugendliche, die früh entmutigt werden, aber wenn sie in einem wohlwollenden und respektvollen Umfeld aufwachsen, agieren sie wie jene beiden, die in einem Fernsehinterview auf die Frage, ob es in ihrem Kindergarten Ausländer gebe, mit den Worten: „Nein, hier gibt es nur Kinder!“ geantwortet haben. Egal ob unser Bekenntnis zu Solidarität und Inklusion einen Schritt zurück oder einen Schritt nach vorne bedeutet, Tatsache ist, dass wir heute nicht mehr der Meinung sind, dass Schwache separiert werden müssen. Und wir wissen, nunmehr aus Erfahrung, dass die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung in die Schule sehr viel gebracht hat. Noch sind wir in dieser Hinsicht nicht mit allem zufrieden. In Bezug auf den Übertritt in die Oberstufe und von dort in die Arbeitswelt, beide Male in Kombination mit persönlichen Zukunftsplanungen, ist noch viel Arbeit zu leisten. Doch damit schneide ich jetzt eine Thematik an, die man wohl in einem gesonderten Gespräch vertiefen müsste. 

Lebenshilfe Südtirol