PE: Bei Ihrem Kurzreferat zum Thema „Sozialbudget – Ein Wert für alle“ an einem von der Lebenshilfe im vergangenen März organisierten Runden Tisch im Hotel Masatsch betonten Sie die Wichtigkeit des Zusammenspiels zwischen Wirtschaft und Sozialem. Wollen wir in diesem Interview diesen Gedanken ein wenig vertiefen?
Tiefenthaler: Ich bin in der Tat der Meinung, dass gesellschaftlicher Wohlstand im weitesten Sinn des Wortes ein möglichst ausgeglichenes Verhältnis zwischen wirtschaftlichem Wachstum und sozialem Engagement voraussetzt. Wirtschaft und Soziales tragen zur Entwicklung der Gesellschaft am besten bei, wenn sie ihre Wege gemeinsam gehen, einander respektieren und beiderseits darauf achten, dass es nicht zu Ungleichgewichten kommt. Die Wirtschaft braucht das Soziale, und das Soziale braucht die Wirtschaft, denn irgendwo muss das Sozialbudget ja erarbeitet werden. Alles in allem halte ich die Verhältnisse in Südtirol diesbezüglich für sehr ausgewogen. Trotzdem werfe ich einen kritischen Blick auf die letzten Bewegungen im Landeshaushalt. Während im Jahr 2008 noch 35% dessen für Investitionen freigegeben wurden, liegen wir heute nur mehr bei 22%, und sollten die Prognosen recht behalten, wird diese Zahl im Jahr 2019 auf 14% sinken. Ich glaube, dass wir hier achtsam sein müssen.
PE: Läuft das Sozialbudget Gefahr, kritische Werte zu erreichen?
Tiefenthaler: Wir haben keinen Grund, uns zurückzulehnen und zu glauben, dass der heute erreichte Standard selbstverständlich ist. Die demografische Entwicklung zeigt seit Jahrzehnten eine eindeutige Tendenz. Dadurch, dass wir Menschen immer älter werden, ist die Frage der Altersversorgung bereits heute zentral und wird im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zunehmend zentraler werden. Wir werden Mühe haben, die älteren Generationen auf Dauer nur in Pflegeheimen menschenwürdig unterzubringen. Aber auch in Bezug auf junge Familien stellen sich einige Fragen. Väter und Mütter, die beide gleichermaßen erwerbstätig sein müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und darüber hinaus für die eigene Zukunft vorzusorgen, sind vermehrt auf die Existenz von Betreuungsstätten für ihre Kinder angewiesen. Wir stehen also vor großen, teilweise auch neuen Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, um unseren Lebensstandard zu halten, ohne überzogene Kosten zu verursachen. Ein weiterer nennenswerter Faktor ist die Erhöhung des Rentenalters, die das Fortbestehen von Familienbetrieben gefährdet, weil Übergaben heute viel später und in einzelnen Fällen überhaupt nicht mehr erfolgen. Ein Unternehmer, auch ein Bauer, kann seinen Betrieb bzw. seinen Hof nicht übergeben, bevor er sich finanziell ausreichend abgesichert hat. In der Zwischenzeit sind Söhne und Töchter gezwungen, sich anderweitig umzusehen und zu arrangieren.
PE: Wie kann man sich vorstellen, den Lebensstandard bzw. die soziale Sicherung aufrecht zu erhalten oder gar zu steigern, ohne mit Kostenerhöhungen rechnen zu müssen?
Tiefenthaler: Auch das im weitesten Sinn verstandene Soziale muss beginnen, in betriebswirtschaftlichen Begriffen zu denken. Im Gesundheitswesen etwa ist es für mich sehr gut nachvollziehbar, wenn sich Krankenhäuser spezialisieren und dadurch Kosten sparen. Die Dienstleistungen gewinnen an Qualität, während die eine oder andere längere Anfahrtszeit durchaus zumutbar ist. Auch die Wirtschaft hat den Schritt der Spezialisierung hinter sich. Noch vor einem Jahrhundert waren die Südtiroler Bauern allesamt Selbstversorger, während sie sich heute tendenziell auf die Erzeugung eines einzigen Produkts konzentrieren. Im Bereich des Sozialen im engeren Sinn ist diese Diskussion schwieriger, weil sich etwa Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigung der Gesamtperson in ihrem Lebensvollzug zuwenden. Das Beispiel des Gesetzes zur so genannten „Agricoltura sociale“, das vor allem älteren Menschen zugutekommen soll, zeigt jedoch, wie man den Gedanken, bestehende Wohnheime ausbauen oder neue Wohnheime errichten zu müssen, relativieren kann, indem man alternative Angebote andenkt. Dieses Gesetz ermöglicht es, auszubildenden und spezifisch zu versichernden Bäuerinnen die Möglichkeit einer Betreuung und Begleitung älterer Menschen, aber auch von Kindern, an ihrem eigenen Hof zu eröffnen. Ohne heute genau vorhersehen zu können, auf wie viel Interesse diese Idee sowohl bei unterstützungsbedürftigen Menschen als auch bei unterstützenden Familien stoßen wird, arbeitet die Südtiroler Landesregierung gegenwärtig an einem entsprechenden Landesgesetz. Mit diesem Beispiel will ich nur darauf hinweisen, dass innovatives Denken im Sozialbereich auch wirtschaftliches Denken sein muss und nur unter dieser Voraussetzung zukunftsträchtig ist. In der Migrationsfrage bestünde das langfristig zielführende Denken und Handeln meiner Auffassung nach darin, Menschen zur Selbsthilfe zu verhelfen und beizutragen, dass die Heimatländer der heutigen Migranten zu lebenswürdigen Regionen werden.
PE: In unserem kurzen telefonischen Vorgespräch vor unserem heutigen Treffen deuteten Sie an, dass wir uns, historisch betrachtet, gegenwärtig in einer äußerst glücklichen Situation befinden.
Tiefenthaler: Wenn wir von Lebensstandard sprechen, neigen wir dazu, nur kurze Zeiträume in Betracht zu ziehen und beispielsweise die Entwicklung von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit innerhalb von ein paar Jahren zu analysieren. Erst wenn wir unsere Zeit in einen umfassenderen Kontext stellen, wird deutlich, dass unsere Lebensumstände auch ganz anders gelagert sein könnten. Wir müssen nur im Gedanken zwei Jahrhunderte zurückgehen, als das Klima in Europa in der Folge eines Vulkanausbruchs in Asien zu einer Hungersnot unermesslichen Ausmaßes führte. Wir müssen nur siebzig Jahre zurückblicken und feststellen, dass Europa nach einem jahrelangen Krieg in Schutt und Asche lag. Wir leben heute in einer Zeit, in der sowohl das Klima wie auch die politischen Verhältnisse günstige gesellschaftliche Entwicklungen ermöglichen. Dies betrifft die Produktion und die Kommunikation gleichermaßen. Wir haben das Glück, Umstände vorzufinden, die eine wirtschaftliche, eine kulturelle und eine soziale Entfaltung begünstigen, und gerade diese Kombination ist es, die unseren Wohlstand ausmacht.
Lebenshilfe Südtirol