Was wir als Freizeit bezeichnen, ist im Großen und Ganzen jene Zeit, die übrigbleibt, wenn man die Arbeitszeit und die bloß freie Zeit abzieht. Letztere ist unauffällig in den Alltag eingebunden und umfasst Pausen jeder Art und Fenster zur Erledigung anfallender Notwendigkeiten wie Einkaufen, Kochen, Waschen und Reinigen, aber auch jene Stunden, die wir für unseren Schlaf benötigen. Bloß freie Zeit wird also, im Falle freier Stunden, vielfach genutzt, um etwas zu tun, was getan werden muss, und um Grundbedürfnisse zu befriedigen, im Falle freier Minuten freilich auch, um kurzfristig durchzuatmen.
Freizeit grenzt sich demnach nicht nur wesentlich von der Arbeitszeit, sondern auch von der bloß freien Zeit ab. Sie stellt eine autonome Lebenssphäre dar, in der sich, ebenso wie im Arbeitsbereich, Spielräume zur Selbstverwirklichung eröffnen. Wer Arbeit und Freizeit gegeneinander ausspielt, ordnet das eine Mal so und das andere Mal umgekehrt über und unter. Die einseitig workoholische Haltung instrumentalisiert Freizeit, indem sie ihr den Zweck der Regeneration zuweist. Wer sich gut erholt, so heißt es dann unausdrücklich, ist nach dem Frustabbau wieder fit, um Leistung zu erbringen. Die einseitig (hier versuchsweise so genannte) hedonistische Haltung idealisiert Freizeit, indem sie in ihr den Ort der Entfaltung des wahren Ich zu finden glaubt. Wer hart arbeitet, so heißt es dann unausdrücklich, braucht seine Perioden, um zu sein, was er wirklich ist. Eine ausgeglichene Haltung hingegen erkennt, dass Menschen zwar differenzierbar aber nicht teilbar sind und sich selbst in verschiedenen Sphären des Lebens ein- und zum Ausdruck bringen, einmal hier und ein andermal dort.
Unser Leben ist im Normalfall von täglich, wöchentlich und monatlich erfüllenden und weniger erfüllenden Momenten gekennzeichnet. Manches läuft gut, anderes weniger. In unserer Arbeit bewegen wir uns in der Regel irgendwo zwischen den beiden Extremen Traumjob und Knochenbeschäftigung, in unserer Freizeit irgendwo zwischen den beiden äußeren Enden Sensation und Langeweile. Wer den Begriff des erfüllten Lebens bemüht, hat, vielleicht auch neben weiteren Elementen wie Gesundheit und Beziehungen, den Traumjob und Freizeit voller Highlights vor Augen.
Darüber, was Freizeit erfüllend macht, entscheidet jeder Einzelne für sich selbst. Dabei ist nicht immer die Realität richtungsweisend. Wie in allen Lebensbereichen gibt es auch hier das Faktische, das Gewünschte und das Erträumte. Wie eine Person ihre Freizeit tatsächlich verbringt, hängt von ihren Gestaltungsmöglichkeiten ab. Diese Möglichkeiten können auf äußere wie auf innere Grenzen stoßen. Menschen können externe Barrieren erleben, aber auch subjektive Trägheiten, mit denen sie sich selbst im Wege stehen.
Ob die Art und Weise, wie Freizeit verbracht werden möchte, faktisch, gewünscht oder erträumt ist, eine grobe grundlegende Unterscheidung kann in jedem Fall getroffen werden. Es gibt Menschen, die ihre Freizeit vorwiegend aktiv, und andere, die ihre Freizeit vorwiegend gemütlich verbringen (möchten). Auf der einen Seite stehen die bewegungshungrig nach außen Gewandten, auf der anderen Seite die Ruhe und Rückzug Suchenden. Die Einen schnallen sich Sportgeräte an, während sich die Anderen in die Hängematte legen. Die Einen bevorzugen Spannung, die Anderen Relax. Die Einen betätigen sich arbeitsähnlich, die Anderen genießen nach dem Prinzip des lockeren Feierabends. Die Einen schalten um, die Anderen ab. Es kommt vor, dass die jeweiligen Vertreter dieser Typen wenig oder kein Verständnis für jene des jeweils anderen Typs haben. Doch genauso gut kommt es vor, dass ein und dieselbe Person ihre Freizeit teils aktiv und teils gemütlich verbringt. Was einander auszuschließen scheint, kann widerspruchslos kombiniert werden. Auch ob jemand lieber plant oder lieber spontan die Dinge auf sich zukommen lässt, sagt nichts darüber aus, ob er ein tendenziell aktiver oder ein tendenziell gemütlicher Freizeit-Typ ist.
Überlegungen dieser Art gelten für alle Menschen. Was bei Menschen mit Beeinträchtigung hinzukommt, sind weniger Anregung und Animierung als vielmehr Begleitungen und bisweilen auch Vorlieben eruierende Dialoge. Dass Freizeitbegleitung heute vermehrt professionell angeboten werden kann, hängt mit der erfreulichen Tatsache zusammen, dass Fragen der Freizeitgestaltung von Menschen mit Beeinträchtigung, auf dem Weg zur Gleichberechtigung mit Arbeits-, Wohn- und Mobilitätsfragen, nicht mehr als rein innerfamiliäre Angelegenheit betrachtet werden.
Lebenshilfe Südtirol