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Zum richtigen Zeitpunkt das Richtige finden

Susanne Leimstädtner berät

Bewusst mit Kindern arbeitete Susanne Leimstädtner viele Jahre lang als Ergotherapeutin in der Rehabilitationsabteilung im Brixner Krankenhaus und nahm dabei gerne Herausforderungen an. So kam es, dass sie gerne Kinder mit mehrfachen Beeinträchtigungen begleitete. Dabei musste sie irgendwann feststellen, trotz langer Erfahrung nicht über das Handwerkszeug zu verfügen, um alle Ressourcen eben dieser Kinder erkennen zu können. Und sie war überzeugt, dass es noch viele gab. In einer dreijährigen berufsbegleitenden Ausbildung für Unterstützte Kommunikation, die erstmals im Jahr 2001 in Deutschland angeboten wurde, bereicherte sie sich um neue Blickwinkel. 
„Unterstützte Kommunikation“ empfand sie als neue Zauberformel! Unterstützte Kommunikation bietet Hilfe auf vielfältige Weise: mit Körpersprache, Gebärden, realen Gegenständen, Bildkarten, Kommunikationsheften, Buchstaben-Tabellen und vielem mehr. Zusätzlich mit digitalen Hilfsmitteln, von einfachen Sprachausgabe-Geräten bis hin zu aufwändiger Software auf entsprechenden Tablets, die mit Touch, Mouse oder mit den Augen angesteuert werden. Unterstützte Kommunikation hilft, sich der Umwelt mitzuteilen und diese besser zu verstehen. Es gibt viele Wege, um Kommunikation anzubahnen und zu verbessern. 
Seither widmet sich Susanne Leimstädtner ganz diesem Thema. Sie trifft sich einmal jährlich zum Austausch mit Kolleginnen aus der Ausbildung und besucht andere Beratungsstellen im Ausland, Kongresse und Reha-Messen, um auf dem neuesten Forschungsstand zu bleiben. Seit 2016 begleitet und berät sie Kinder und Erwachsene mit deren Begleiter/inne/n in der Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation der Lebenshilfe in Brixen, die vom Verein Trotzdem reden finanziert wird. Ich habe sie dort besucht und mir von ihrer Erfahrung und den daraus entstandenen Herausforderungen erzählen lassen. 

Passende Hilfsmittel – Die Beratungsarbeit, so erklärt Susanne Leimstädtner, braucht viel Zeit, um Informationen über neueste Entwicklungen einzuholen und technisch immer am Laufenden zu sein. Es braucht genauso viel Zeit für die Familien, aber auch für die Teams in verschiedenen Institutionen, um den Prozess der Unterstützten Kommunikation mit all ihren Hilfsmitteln zu begleiten. Es ist wichtig, ganz einfach anzufangen, damit die Beteiligten nicht überfordert werden. So können alle Fragen Platz haben: Wie fangen wir an? Welche Situationen eignen sich am besten? Setzen wir Hilfsmittel ein? Wenn ja, welche? Welche Inhalte werden verwendet und welche wollen wir verwenden? Wie werden sie personalisiert, d.h. entsprechend der jeweiligen Situation angepasst? Dabei braucht es Kreativität und viele Ideen. Man könnte dazu etwa von einem Ausflug, einem Fest, einem Besuch, von Freunden oder von der Familie erzählen. „Wichtig“, so Susanne, „ist mir dabei die Prozessbegleitung, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu finden. Und dort einzusetzen, wo der Mensch gerade steht. Entwicklung und Gegebenheiten verändern sich und müssen ständig neu angepasst werden. Dabei benötigen Familie und Umfeld Hilfe. Kommunikation hängt mit dem Bedürfnis zusammen, jemandem etwas mitzuteilen. Erst dann werden Hilfsmittel angenommen.“
Selbstbestimmung – Was macht das Leben lebenswert? Nicht nur die großen Entscheidungen sind es, sondern auch die Tasse Kaffee und die Zeitung zur rechten Zeit, der Austausch mit wichtigen Menschen, die Möglichkeit, eigene Gedanken zu äußern und vielleicht auch manches Nein zu begründen. Durch den Verlust der Sprache verliert der Mensch gleichzeitig die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Doch gerade jetzt wird diese besonders wichtig, um mit der Einschränkung gut leben zu können. Dazu gehört auch, dass der betroffene Mensch so weit wie möglich selbst die Art der Kommunikation wählen kann, die er gerade braucht. Kommunikation ist immer vielfältig! Je nach Situation genügt die Blickrichtung oder das Zeigen, das Auswählen über Fotos und Bilder, oder es braucht elektronische Hilfsmittel mit Sprachausgabe.
Abhängigkeit – Sprachlos sein bedeutet Abhängigkeit, führt zu Hilflosigkeit, Depression oder Aggression und wenig sozialen Kontakten. Menschen, die im Laufe des Lebens die Sprache verlieren oder sich nur mehr sehr undeutlich ausdrücken können, werden in ihren Fähigkeiten oft verkannt. Als große Demütigung empfinden sie die Tatsache, dass dann andere oft meinen, auch ihr Denkvermögen sei beeinträchtigt. „Meine Aufgabe“, so Susanne Leimstädtner, „besteht darin, die Methode der Wahl zu finden, die dem Menschen die Kommunikation auf andere Weise wieder ermöglicht. Das Hilfsmittel muss nicht nur an den betroffenen Menschen angepasst werden, sondern auch an dessen Rahmenbedingungen und an sein Umfeld. Dem sprechenden Menschen entgeht leicht, dass Kommunikationsbedürfnisse immer gegenseitig sind. Auch der Andere möchte erzählen und sich mitteilen, ohne sich auf Ja- und Nein-Antworten beschränken zu müssen. Ohne Hilfsmittel fühlt sich jeder nicht-sprechende Kommunikationspartner ohnmächtig!“ Manche Eltern erklären, ihr Kind verstehe alles, was sie sagen. Doch verstehen auch sie alles, was ihnen das Kind mitteilen möchte? Was es in der Schule und außerhalb der Familie erlebt hat? Oft hat der nicht-sprechende Mensch ein sehr gutes Sprachverständnis, kann aber nur bejahen oder verneinen, ohne die Möglichkeit zu haben, von sich zu erzählen oder seine Meinung zu äußern. Deshalb hat jeder nicht-sprechende Mensch das Recht auf bestmögliche Hilfe. Es ist unsere Pflicht, nach dieser bestmöglichen Unterstützung zu suchen.
Sprechen unter anderen Bedingungen – Wie fühlt sich der betroffene Mensch, wenn er sich nicht ausdrücken kann und mit ungewohnten Hilfsmitteln konfrontiert wird? Es benötigt die Bereitschaft, sich auf diese einzulassen, und es wird Zeit brauchen, die neue Kommunikationsform zu erlernen. Geduld, Einfühlungsvermögen, vielseitiges Wahrnehmen, Beobachtung und Kreativität werden von allen Seiten gefordert. Es stellt sich eine Reihe von Fragen: Wann braucht es ein Tablet? Wie richtet man ein Tablet individuell ein? Benötigt man eine Tabelle, ein Kommunikationsheft, eine Gebärde? Oder braucht es vielleicht alles zugleich? Und werden wir das je lernen? Ist das für das Umfeld zumutbar oder gibt es auch etwas Einfacheres? Kann sich der Mensch mit dem Hilfsmittel identifizieren, zum Beispiel mit der künstlichen Stimme aus dem Gerät? Wie reagieren die Anderen auf diese synthetische Sprache? Die nonverbale Kommunikation findet unter völlig neuen und anderen Bedingungen statt als den gewohnten. „Als Begleiterin“, so Susanne Leimstädtner, „muss ich mich auf das verlangsamte Tempo einstellen und versuchen, die Kernaussage herauszufinden. Das bedeutet, innerlich und äußerlich beim Menschen zu bleiben, während er versucht, seine Mitteilungen zu formulieren. So fühlt sich ein Betroffener wirklich wahrgenommen und geachtet.“
Modelling – Unterstützte Kommunikation kann man nicht alleine lernen. Es braucht ein Vorbild, jemanden, der zeigt, wie es geht. Dieser Vorgang wird „Modelling“ genannt. Man bedenke, ein Baby hört etwa zwei Jahre lang immer und überall Sprache, bevor es selbst spricht. Dies ist ein langer Lernprozess, ehe das Kind sich mitteilen kann. Um den Umgang mit dem Hilfsmittel zu erlernen, benötigt es viel Zeit und Menschen, die ihm Vorbild sind und zeigen, wie Miteinander-Reden funktionieren kann.

Susanne Leimstädtner erzählt mit Überzeugung und Begeisterung von ihrer Arbeit, und ich durfte zuhörend und rückfragend einiges dazulernen. Ich habe den Eindruck, sie könnte noch lange weiter erzählen. Ich möchte daher abschließend wissen, was ihr noch besonders am Herzen liegt. „Unterstützte Kommunikation“, so sagt sie, „soll kein Fremdwort mehr sein und zur Selbstverständlichkeit für alle werden. Alle Menschen, die Unterstützte Kommunikation benötigen, sollen die geeigneten Hilfestellungen erhalten. Ich wünsche mir, dass sich viele Fachleute angesprochen fühlen, sich auf diesem Gebiet aus- und weiterzubilden, und dass das Angebot unserer Beratungsstelle durch zusätzliche Mitarbeiter/innen in den Bereichen Logopädie und Technik ausgebaut werden kann. Um gut arbeiten zu können, werden hoffentlich weiterhin genug Spenden zur Verfügung stehen. Schön wäre, wenn dieser Dienst in Zukunft an die öffentliche Struktur angegliedert werden könnte.“ 

Lebenshilfe Südtirol