PE: Du bist jetzt seit rund zweieinhalb Jahren Unterstützerin der Selbstvertretungsgruppe People First. Mit welcher Motivation bewarbst du dich für diese Stelle?
Birrer: Das Projekt People First Südtirol begeisterte mich von Beginn an. Ich sah in diesem Projekt die Möglichkeit, so zu arbeiten, wie ich mir gute Sozialarbeit vorstelle. Ich arbeite unterstützend und lösungsoffen. Ich spreche und entscheide nicht für andere Menschen, da ich immer nur einen kleinen Ausschnitt aus deren Leben kenne. Ich kann Menschen begleiten und Hilfestellungen anbieten. Ich kann verschiedenste Perspektiven mit ihnen gemeinsam beleuchten. Aber Entscheidungen fällt und schlussendlich auch Verantwortung trägt der einzelne Mensch selbst. Mit dem Ansatz der Selbstvertretung konnte ich mich auch deswegen sofort identifizieren, weil auch meine Mutter mit einer Beeinträchtigung lebt und viele Erfahrungen mit Bevormundung, Abwertung und Ausgrenzung machen musste.
PE: Welche sind deine Aufgaben als Unterstützerin bei People First?
Birrer: Meine Aufgabe ist es, die beiden Ansprechpersonen sowie den 12-köpfigen Vorstand bei Planung und Durchführung ihrer Projekte und Veranstaltungen zu unterstützen. Es geht in meiner Arbeit nicht darum, Lösungswege vorzugeben, sondern darum, sie mit meiner fachlichen Kompetenz darin zu unterstützen, dass sie ihre eigenen, ganz individuellen Problemlösungswege finden. Ich ermutige sie, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Konkret bedeutet dies meistens, dass ich ihnen behilflich bin, möglichst viele Perspektiven einer Situation zu betrachten und einzuschätzen, damit sie in den Besitz einer guten Entscheidungsgrundlage gelangen. Was natürlich auch beinhaltet, Lösungswege und Entscheidungen zu akzeptieren, die ich selbst nicht wählen bzw. treffen würde. Bei größeren Projekten, deren Organisation relativ komplex ist, bringe ich meine Meinung verstärkt ein und übernehme nach Absprache konkrete Arbeiten auch selbst. Ich schreibe längere Texte in einfacher Sprache und prüfe sie mit Karin und Robert auf ihre Verständlichkeit hin oder unterstütze sie, ihre eigenen Texte zu verfassen. Des Weiteren unterstütze ich die beiden Ansprechpersonen wie auch die Vorstandsmitglieder bei Vorträgen und Studienfahrten. Ich versuche, den Überblick über das große Ganze zu behalten, unterstütze sie bei der Arbeitsteilung und behalte das Budget im Auge.
PE: Welche Faktoren machen deiner Meinung nach Unterstützung qualitativ hochwertig?
Birrer: Als Unterstützerin muss man gut zuhören und abwarten können. Wichtig ist auch, imstande zu sein, eigene Grenzen zuzugeben und selbst Unterstützung einzufordern. In jedem Fall sollen keine Entscheidungen abgenommen werden, ganz im Vertrauen auf die Fähigkeiten der Ansprechpersonen und der Vorstandsmitglieder. Diese werden ermutigt, die eigene Meinung zu sagen und Entscheidungen zu treffen. Wo ich als Unterstützerin einen Wissensvorsprung habe, gilt es, dieses Wissen zu vermitteln und zu teilen.
PE: Welche sind die größten Herausforderungen in deiner Unterstützungsarbeit?
Birrer: Das Schwierigste an meiner Arbeit ist für mich, Verantwortung abzugeben, andere Lösungswege zu akzeptieren und ein eventuelles Scheitern miteinzukalkulieren. In Momenten, in denen in der gemeinsamen Arbeit Reibung entsteht, bin ich als Unterstützerin meist stark gefragt, und wir versuchen dann im Team, Ruhe zu bewahren und das Beste aus der Situation zu machen. In Situationen genau dieser Art lernen wir alle gemeinsam am meisten. Da eine Arbeit immer auch bewertet wird, braucht es die nötige Professionalität, im Falle eines nicht ganz zufriedenstellenden Ausgangs neben dem Resultat auch den gemeinsam zurückgelegten Weg zu betrachten. Eine weitere große Herausforderung besteht darin, bei der Unterstützung das richtige Maß, den Mittelweg zwischen Zu-viel und Zu-wenig zu finden, zwischen Bevormundung und übermäßiger Zurückhaltung. Ebenso herausfordernd ist es, sich immer wieder bewusst zu machen, dass wir Teamarbeit leisten und uns aus diesem Grund immer wieder zu gemeinsamen Besprechungen zusammensetzen, bevor Aufgaben abgeschlossen werden. Um die Balance zu halten, nutze ich den regelmäßigen Austausch mit dem Geschäftsleiter der Lebenshilfe bzw. dem Verantwortlichen der Dienststelle für Innovation. Für mich sind diese Ansprechpartner sehr wichtig. Auch die bevorstehende Einstellung einer zweiten Unterstützungsperson wird zu einer weiteren Professionalisierung der Arbeit von und mit People First beitragen.
Lebenshilfe Südtirol