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Verantwortung übernehmen

Selbstvertretung
People-First-Sitzung

Robert Mumelter lebt mit seiner Mutter in Leifers. Er ist seit der Gründung von People First dabei. Karin Pfeifer lebt allein in ihrer Wohnung in Brixen. Seit 2013 arbeitet sie mit Robert und der Unterstützungsperson im Büro von People First. Dieses Büro ist in die Räumlichkeiten der Lebenshilfe integriert. Die Lebenshilfe unterstützt People First im gesamten Verwaltungsbereich, also bei der Lohnbuchhaltung, wenn es um Ansuchen von Beiträgen geht, und auch in Bezug auf das Budget. Mit Robert und Karin habe ich über die Selbstvertretungsgruppe gesprochen und mir erzählen lassen, wie sie entstanden ist und worin ihre Aufgaben bestehen. 

Mumelter: People First ist eine Selbstvertretungsgruppe. Die Lebenshilfe hat am Anfang von anderen Selbstvertretungsgruppen gehört und ist bald darauf mit einer Gruppe nach London gefahren, wo es schon eine People-First-Gruppe gab. Wir wollten uns erkundigen, welche die Ziele von People First waren. Im Jänner 2001 kam es in Bozen zur Gründungsversammlung von People First Südtirol. Seither arbeite ich hier im Büro der Lebenshilfe, die uns in der bürokratischen Arbeit unterstützt. Ich selber werde von einer Unterstützerin in meiner Arbeit begleitet. Seit 2002 habe ich einen Teilzeit-Arbeitsvertrag bei People First. Wir haben uns am Anfang hauptsächlich für unsere Selbstbestimmung und Mitbestimmung eingesetzt. Wir haben von Anfang an verschiedene Tagungen organisiert und Studienreisen gemacht. 

PE: Bis zu diesem Zeitpunkt habt ihr meistens erfahren, dass Andere für euch bestimmt haben, oft auch ohne euch zu fragen, ob es euch so recht ist. Nun habt ihr beschlossen, selber für euch zu entscheiden. Wenn man das tut, muss man aber auch selber Verantwortung übernehmen. Das habt ihr bis dahin wahrscheinlich nicht getan. Wie ist es euch am Anfang damit ergangen? War es leicht oder habt ihr auch Schwierigkeiten gehabt? 

Mumelter: Ja, am Anfang war es eher schwierig. People First hat von Anfang an einen Unterstützer angestellt, der uns besonders bei Themen wie Eigenverantwortung intensiv begleitet hat. Eine Unterstützung ist in dem Konzept People First grundsätzlich vorgesehen, und diese/r Unterstützer/in hat einen normalen Arbeitsvertrag. Unser erster Unterstützer war Norbert Münster. Dann hat uns viele Jahre lang Johannes Knapp unterstützt, und seit zwei Jahren ist Andrea Birrer unsere Unterstützerin. Es war uns von Anfang an ganz besonders wichtig, selbst über uns zu bestimmen, und deshalb haben wir fest daran gearbeitet. Wir haben bald einen eigenen Vorstand gewählt. Dieser hat auch die Tätigkeiten bestimmt und organisiert, die uns wichtig waren. Kathi Pliger war die erste Präsidentin, dann wurde Hanspeter Delucca gewählt und dann Jochen Tutzer, der heute noch unser Präsident ist. 

PE: Welche waren denn die ersten Tätigkeiten, Projekte und Reisen, die ihr organisiert habt? 

Mumelter: Wir haben Studienreisen nach Schweden, nach Schottland und nach England zu europäischen People-First-Kongressen gemacht. People First ist in fast allen europäischen Ländern vertreten. Wir arbeiten viel mit den Verbänden in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich zusammen. Und wir haben Kurse für unsere Mitglieder organisiert, wie zum Beispiel Wohn- und Kochtrainings, Computerkurse oder Kurse zum Umgang mit Geld. Zu diesen Kursen haben wir auch Broschüren gemacht. Wir haben auch gelernt, wie man mit dem Fotoapparat umgeht und wie ein Tablet funktioniert. 

PE: So viel ich mich erinnern kann, hast du, Robert, in den ersten Jahren auch einige Vorträge gehalten, in denen du People First vorgestellt hast. Wo war das? 

Mumelter: An der Uni in Bozen und in Brixen, an der Landesfachschule für Sozialberufe Hannah Arendt in Bozen, in Brixen und in Meran, und auch in verschiedenen Ämtern und Werkstätten. 

PE: Karin, wann bist du zu People First gekommen? 

Pfeifer: Ich habe in Bozen die Berufsschule gemacht. Von dort aus habe ich in der Lebenshilfe ein Praktikum absolviert. Eines Tages ist Robert zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich mit ihm im Büro von People First arbeiten möchte, weil die Arbeitskollegin gegangen ist. Da habe ich gleich zugesagt. Im Oktober 2013 hat dann der Vorstand von People First beschlossen, mich anzustellen. Meine Kollegen haben mich eingelernt und mir erklärt, was ich alles machen muss. Ich habe mich ziemlich schnell ausgekannt, und die Arbeit hat mir sofort gut gefallen. 

PE: Welche sind die verschiedenen Rollen bei People First? 

Mumelter: Da sind einmal Karin und ich, wir sind hauptamtliche Mitglieder, das heißt wir sind regulär angestellt. So wie auch unsere Unterstützerin Andrea Birrer. Dann gibt es unseren Vorstand mit den 12 ehrenamtlichen Mitgliedern, darunter einen Präsidenten oder einer Präsidentin. Das ist momentan Jochen Tutzer. Die Vizepräsidentin heißt Karin Saltuari. Die anderen Vorstandsmitglieder sind zurzeit Erwin Mühlsteiger, Julia Binanzer, Andreas Plank, Hermann Tetter, Alexia Lantschner, Patrick Haidacher, Luca Ferretti, Lukas Graiss, Klaus Anegg und Ursula Tappeiner. 

PE: Ich erlebe euch als sehr aktiv. Ihr habt ja auch schon mehrere wichtige und interessante Projekte organisiert, aber auch einige Broschüren in einfacher und in Leichter Sprache veröffentlicht. Seid ihr besonders fleißig und kreativ oder sind das auch andere Verbände, mit denen ihr zusammenarbeitet? 

Mumelter: Andere People-First-Verbände arbeiten auch gut. Wir haben aber auch größere Projekte gemacht und dazu wichtige Broschüren in einfacher und in Leichter Sprache veröffentlicht. Wir haben in den letzten Jahren drei wichtige Projekte gemacht. Im Jahr 2013 einen Kurs, der uns auf die Landtagswahlen vorbereiten sollte. Dazu haben wir die verschiedenen Parteien gebeten, uns ihre Programme zu schicken. Wir haben ihnen auch unsere Wünsche geschickt. Die meisten haben uns geantwortet. Mit einigen Politiker/inne/n haben wir auch persönlich geredet und Fragen an sie stellen können. Die Broschüre in einfacher Sprache zu diesem Projekt hat „Politik in Südtirol – Wir machen mit! Landtagswahlen 2013“ geheißen. Dann haben wir auch für die Landtagswahlen 2018 eine Broschüre veröffentlicht. Bei den Landtagswahlen 2018 haben zwei Parteien sogar schon ihr Wahlprogramm in einfacher Sprache geschrieben. Das ist für uns sehr wichtig. Heuer haben wir das erste Mal eine Broschüre zur Europawahl gemacht. 

Pfeifer: Im Herbst 2014 haben wir in Bozen einen Lehrgang an der Universität besucht, der für alle offen war. Der Lehrgang hieß „Studium generale“ und hatte mehrere Themen: Der Mensch und der Umweltschutz, die Aufgaben von Gemeinde, Landtag und Parlament, die Rechte am Arbeitsplatz und die Sozialrechte und der Umgang mit neuen Medien, das heißt Smartphone, Facebook usw. Im Jahr 2015 wurde das neue Landesgesetz für Menschen mit Behinderung veröffentlicht. Wir waren eingeladen, bei der Ausarbeitung mitzutun. So haben wir unsere Wünsche und Vorschläge eingebracht. Einige wurden in das Gesetz aufgenommen, leider aber nicht alle, wie zum Beispiel das Persönliche Budget. Alle Menschen sollten für ihre Arbeit einen normalen Lohn bekommen, nicht nur ein Entgelt. Unser Unterstützer Johannes Knapp hat das Gesetz Nr. 7 vom 14. Juli 2015 in einfache Sprache übersetzt. Robert und ich haben es prüfgelesen. Das Landesgesetz in einfacher Sprache haben wir auch im Südtiroler Landtag bei einer Pressekonferenz vorgestellt. Anschließend haben wir unseren Mitgliedern einen Kurs angeboten, in dem wir uns mit dem Gesetz beschäftigt haben. Wir haben gelernt, was im Gesetz steht. In den Jahren 2016 und 2017 haben wir zuerst einen Expertenlehrgang für unsere Mitglieder angeboten. Sie sollten lernen, was im neuen Südtiroler Gesetz für Menschen mit Behinderungen und was in der UN-Behindertenrechtskonvention steht. Dann haben die Experten dieses Wissen selber in verschiedenen Vorträgen an Kolleg/inn/en weitergegeben und somit Botschafter/innen ausgebildet. Diese Botschafter/innen sollen nun mit ihrem Wissen andere Menschen unterstützen können. Sie sollen ihnen helfen können, wenn sie einen Rat brauchen. Wir treffen uns drei- bis viermal im Jahr mit den Botschafter/inne/n und tauschen unsere Erfahrungen aus. 

PE: Hat euch das, was ihr in diesen Kursen gelernt habt, auch geholfen, selbständiger zu werden? 

Pfeifer: Ja, schon, ich glaube, dass viele von uns schon viel selbständiger geworden sind. Viele von unseren Eltern und Mitmenschen haben das auch verstanden und unterstützen uns dabei. 

PE: Wie geht es euch beiden in eurer Arbeit? Habt ihr das Gefühl, dass ihr eine wichtige Arbeit leistet? 

Mumelter: Ja, die Arbeit ist interessant, und es ist wichtig und gut, dass wir ein fixes Gehalt bekommen. Ich wünsche mir, dass wir mit den Bezirksgemeinschaften, den Werkstätten und den verschiedenen Ämtern noch besser zusammenarbeiten können. Wir werden von den verantwortlichen Mitarbeiter/inne/n im Land regelmäßig eingeladen, um mitbestimmen zu können, wenn an neuen Durchführungsbestimmungen gearbeitet wird. Und das ist uns sehr wichtig. 

Pfeifer: Mir gefällt unsere Arbeit auch gut. Ich habe das Gefühl, dass unsere Arbeit wichtig ist und dass wir und unsere Mitglieder viel gelernt haben. Vor allem, unsere Meinung zu sagen. 

PE: Bekommt ihr in eurer Arbeit genügend Unterstützung von außen? Und seid ihr in der Öffentlichkeit genügend bekannt? 

Pfeifer: Ja, Unterstützung bekommen wir eigentlich schon. Aber wir sind eine Sektion der Lebenshilfe. Die Lebenshilfe ist sehr bekannt, uns People-First-Gruppe kennen hingegen noch nicht so viele Leute. Ich glaube, da müssen wir noch mehr an die Öffentlichkeit gehen. 

PE: Euer Ziel ist es, so selbständig wie möglich zu werden. Nun habt ihr in eurer Gruppe auch eine hauptamtlich angestellte Unterstützerin. Wie geht es euch damit? 

Pfeifer: Ja, das stimmt. Wir wollen selbständig sein und ernst genommen werden. Wir wollen so viel wie möglich selber machen und selber entscheiden. Wir wollen gefragt werden, was wir denken und was wir wollen. Wir wissen aber, dass wir Unterstützung brauchen. Und wir sind froh, dass wir sie bekommen. 

PE: Welche sind eure nächsten Projekte? 

Mumelter: In diesem September fahren wir nach Graz zu einer Selbstvertretungs-Tagung. Diese wird von Inclusion Europe und der Lebenshilfe Graz organisiert. Zurzeit arbeiten wir am Projekt „Lust am Lesen“. Da geht es darum, dass Menschen lernen und erfahren, wie viele Texte es schon in einfacher Sprache gibt. Und wo man diese Texte, zum Beispiel im Internet, findet. Das ist wichtig, denn wenn man Texte liest, kann man sich eine eigene Meinung bilden. Wir lernen auch, wie man Texte überprüft, ob sie professionell in Leichter Sprache geschrieben sind. Dann besuchen diese ausgebildeten Experten Wohngemeinschaften und stellen den anderen Kolleg/inn/en vor, was es alles in einfacher Sprache oder in professionell Leichter Sprache gibt. So glauben wir, bekommen mehr Menschen mit Lernschwierigkeiten Lust am Lesen. Das hilft ihnen, sich besser eine eigene Meinung zu bilden und besser Entscheidungen treffen zu können. Das Ziel ist auch, dass sie Spaß am Lesen bekommen. 

PE: Liebe Karin, lieber Robert, ich danke euch für das interessante Gespräch und wünsche euch weiterhin viel Freude und Spaß an eurer Arbeit. Und dass ihr, gemeinsam mit eurer Unterstützerin, noch viel erreichen könnt und so mancher von euren Wünschen in Erfüllung geht! 

Lebenshilfe Südtirol