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Zukunft für alle …

Schulkinder

Mit der Gründung der UNO nach dem Zweiten Weltkrieg erblickte eine bis dahin völlig neuartige Organisation das Licht der Welt. Staaten schlossen sich mit dem Ziel einer Weltgemeinschaft zusammen und verpflichteten sich der Sicherung des Weltfriedens sowie der Festsetzung und der Überwachung von Menschenrechten. Das Gedankengut der Aufklärung gelangte nach vielen leidvollen Erfahrungen, angefangen beim Terror im Zuge der Französischen Revolution, endlich zu seiner Institutionalisierung. Kriege und Ausgrenzungen sind seither zwar nicht verschwunden, werden aber an neuen ethischen Maßstäben gemessen. Kritik und Intervention erfährt, was der weltzentrischen Haltung zuwiderläuft. 
Weltzentrisches Denken und Handeln ist ein Idealtypus. Es bezeichnet ein Bewusstsein, das eine ausgeprägte integrierende bzw. inkludierende Kraft besitzt. Dieses Bewusstsein ist in vielerlei Perspektiven wahrzunehmen und zu denken imstande, erfasst schlagartig komplexe Zusammenhänge und vereinigt Gegensätze zu neuen Ganzheiten. Es löst Konflikte gewaltlos und ist in der Lage, das Verschiedenartige als Vielfältiges zusammenzuführen, sei es mit dem Minimalresultat einer friedlichen Koexistenz, sei es mit dem Ergebnis eines von wechselseitigem Interesse getragenen Kontakts. Es bemüht sich um mehrseitig zustimmungsfähige, alle beteiligten Konfliktparteien anerkennende und achtende Problemlösungen. Es besitzt eine globale Dimension und ist somit, ganz im Sinne einer überparteilichen Mediation, fähig und bereit, Friedenspläne zu erarbeiten bzw., ganz im Sinne jeder Art von Gleichstellungsarbeit, sich mit der gebotenen Parteilichkeit für die Rechte von Benachteiligten einzusetzen. 
Jesus, Kopernikus, Darwin, Freud. Vier ausgewählte Namen aus der Geschichte, an denen nach dem Motto „Nicht nur ich“ das Wesen der weltzentrischen Haltung veranschaulicht werden kann. Weltzentrik transzendiert jede Form von Egozentrik, die ihrerseits bis in die Soziozentrik hineinreicht. Soziozentrisch ist ein Bewusstsein dann, wenn sich sein Horizont mit dem jener überschaubaren und klar definierten Gemeinschaft deckt, der es sich zugehörig fühlt. Soziozentrisches Bewusstsein kann beispielsweise ethnischer, nationaler oder religiöser Natur sein und hat die entsprechend begrenzten Horizonte. Es identifiziert sich, in der Regel vorbewusst, mit einer Sprachgemeinschaft, einer Nation oder einer Konfession, in einer noch engeren Variante sogar mit den Regeln eines Standes oder eines Stammes oder jenen einer durch Blutsbande definierten Kleingemeinschaft. Die inklusive Kraft des soziozentrischen Bewusstseins beschränkt sich auf den Zusammenhalt der jeweiligen partikularen Gemeinschaft. Gemeinsam anerkannte und verehrte Götter, Ahnengestalten oder Führer sowie geteilte Mythen und Rituale mit eventuell magischen Komponenten bilden einen gemeinsamen Nenner, der jedoch nicht weit reicht, weder zeitlich noch räumlich. Verharrt das Bewusstsein auf diesem Niveau, so ist die Prognose eindeutig: anders Denkende, anders Lebende und anders Soseiende werden bekriegt oder bestenfalls ignoriert. Etwas Drittes gibt es nicht. „Wir sind wir“ klingt im Fußballstadion noch ganz nett, solange es spielerisch gesungen wird, außerhalb jedoch in keinem Fall mehr. 
Die UNO wurde gegründet, weil man erkannte, dass auf den wirklich wichtigen Parketten Egozentrik und Soziozentrik der Weltzentrik Platz machen müssen. Weltzentrik ist die wahrscheinlich höchste Form der menschlichen Rationalität. Perspektivisches Denken, Dialog, Empathie, Aufhebung von Identifikationen mit Prinzipien, die im universalen Diskurs keine argumentative Energie haben. Die UNO wusste von Anfang an, dass sie permanent Arbeit haben würde. „Entwickelte“ Staaten fahren fort, rücksichtslos ihre eigenen Interessen zu verfolgen, und in „archaischeren“ Gesellschaften jagen einander verfeindete Stämme in die Luft. Weltzentrisches Empfinden, Denken und Handeln ist zwar bereits am Leben, hat jedoch die einzelnen Gesellschaften in ihren Kernen vielfach noch nicht erreicht. Eines ist indes gewiss: die vielzitierte „bessere Welt“ wird eine Welt sein, in der sich das weltzentrische Bewusstsein durchgesetzt haben wird. Das vom weltzentrischen zu überwindende soziozentrische Bewusstsein, mit dem immer wieder neue Formen von Gewalt, Unterdrückung und Benachteiligung verknüpfbar sind, kann nicht gleichberechtigt mit jenem koexistieren, ebenso wie das Bekenntnis zu Toleranz seine Grenze erlebt, sobald Intoleranz anklopft. Die Integration des soziozentrischen Bewusstseins kann nur darin bestehen, es in seinen Ausformungen als Teil der Menschheitsgeschichte in Museen zu betrachten, manchmal schmunzelnd und manchmal zurückschreckend, doch in jedem Fall erinnernd. Doch noch einmal: die weltzentrische Haltung ist ein Idealtypus. Wie weit hat sie in unser Leben als Einzelpersonen Einzug gehalten? Wer diese Frage sich selbst zu stellen bereit ist, setzt bereits die ersten Funken eines Bewusstseins frei, das als weltzentrisch bezeichnet werden kann. 
Unser Planet scheint zurzeit größere Probleme zu haben als die Umsetzung der „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“. Der Mittlere Osten, die Migrationen und der Klimawandel verlangen vollste Konzentration. In weltzentrischer Perspektive jedoch hat jeder Handlungsbedarf dieselben Wurzeln. Das weltzentrische Bewusstsein unterscheidet zwar zwischen verschiedenen Krisenherden und Problemsituationen, erkennt aber, dass diese alle von derselben Art sind. Wo Inklusion versäumt oder sabotiert wird, folgen einmal Kriege, ein andermal Naturkatastrophen, ein drittes Mal Krankheiten, ein viertes Mal Diskriminierungen und so fort, allesamt unter den Oberbegriff „Leid“ subsumierbar. Die weltzentrische Haltung, die wahrscheinlich höchste Form der Vernunft, die ein Mensch je erreichen kann, muss aber keineswegs in einer Imitation von Größen wie Mahatma Gandhi, Al Gore, Mutter Teresa oder Martin Luther King, sondern kann ebenso gut im eigenen täglichen kleinen Alltag zum Ausdruck kommen. 

Lebenshilfe Südtirol