Direkt zum Inhalt

Schutzvorkehrungen und individuelle Freiräume

Interaktionen
Selbstvertreter/innen

Die beiden Jugendlichen Fritz und Franz sind gute Freunde. Sie kennen sich schon seit ihrer Kindheit und haben all die vergangenen Jahre hindurch viel gemeinsam unternommen. In letzter Zeit jedoch zweifeln sie aneinander, weil sie feststellen, unterschiedlich zu ticken. Fritz gibt Gas, Franz bremst. Fritz möchte lieber mit Freunden unterwegs sein, die ebenso Gas geben, während es Franz eher zu Gleichaltrigen hinzieht, die etwas ruhiger sind. 
Fritz kommt manchmal mit einer Verletzung nach Hause. Vergangene Woche mit einem verstauchten Knöchel, weil er von einer Mauer sprang, die Franz Griff für Griff hinunterstieg. Vor zwei Wochen mit einem knallroten Brustkorb, weil sein Sprung vom Fünf-Meter-Brett mit einer schmerzhaften Bauchlandung endete, während Franz die Leiter auch zum Abstieg benutzte. Und gestern kam es zum Streit, weil Fritz Kirschen stehlen gehen und Franz nicht mitmachen wollte. Seither ist Fritz für Franz der durchgeknallte Spinner und Franz für Fritz der langweilige Angsthase. 
Wir als Außenstehende können zunächst neutralere Worte wählen. Fritz ist der mutigere, Franz der vorsichtigere von beiden. Mut ist eine tolle Sache. Er hilft uns, Probleme anzugehen und zu lösen, nicht locker zu lassen und neue Vorhaben freudig in Angriff zu nehmen. Vorsicht ist ebenso eine tolle Sache. Sie hilft uns, uns für Überlegungen Zeit zu nehmen, Situationen zu analysieren und Handlungsschritte gemäß diesen Analysen zu planen. Toll sind Mut und Vorsicht aber nur, wenn sie sich miteinander verschwistern. Ohne ihren jeweiligen Partner können sie nicht existieren, weil sie als Einzelgänger zu etwas ganz anderem werden. Wenn nicht mit Vorsicht gepaart, verwandelt sich Mut in Waghalsigkeit, was etwas ganz anderes ist. Wenn nicht mit Mut gepaart, verwandelt sich Vorsicht in Feigheit, was ebenso etwas ganz anderes ist. Die tollen Sachen, die wir verkörpern, leben und einbringen, sind also nur als Zwillingspackung erhältlich. 
Unser aller Dasein vollzieht sich stets innerhalb einer unüberschaubaren Menge an Spannungsfeldern, die wir im Großen wie im Kleinen zu managen haben. Dies gestaltet sich in unserem Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung, ob als Angehörige, als Freiwillige oder als Fachkräfte, nicht anders. Immer und überall pendeln wir zwischen einem Zu-viel und einem Zu-wenig, einen Zu-oft und einem Zu-selten, einem Zu-groß und einem Zu-klein, einem Zu-tief und einem Zu-hoch, ständig auf der Suche nach dem rechten Maß, dem Gleichgewicht, der Ausgewogenheit. Eine ebenso unüberschaubare Reihe von Begriffs- und Ausdruckspaaren, die unentwegt unsere Wege kreuzen, zeugen davon. Inwiefern sind Menschen mit Beeinträchtigung Erwachsene und inwiefern Kindern ähnlich? Was kann Menschen mit Beeinträchtigung zugetraut werden und was überfordert sie? Welche autonomen Spielräume brauchen Menschen mit Beeinträchtigung und wie viel Schutz muss ihnen zur Verfügung gestellt werden? 
Der Dialog, das heißt die gemeinsame Reflexion, manchmal zwischen Fachkräften und Menschen mit Beeinträchtigung, manchmal zwischen Fachkräften untereinander, aber freilich immer mit Rückkoppelungen, ist das einzige Mittel, um diese allgegenwärtigen Spannungsfelder aufzuspüren, zu benennen und zu bearbeiten, immer mit dem Ziel, Balancen herzustellen und Konstellationen so zu gewichten, dass möglichst viele Aspekte der Realität ins Blickfeld unserer Wahrnehmung und unseres Bewusstseins gelangen. Ausblendungen können schwerwiegende Einseitigkeiten zur Folge haben.
 Die Errungenschaft der Leichten Sprache ist darauf zurückzuführen, dass den Kindheits-Anteilen von Menschen mit Beeinträchtigung (die übrigens jeder Mensch in irgendeiner Form in sich trägt) gebührend Rechnung getragen wird, während die Begleitung einer Selbstvertretungsgruppe darauf beruht, dass man die Erwachsenen-Anteile von Menschen mit Beeinträchtigung erkannt hat und zu unterstützen bereit ist. Mit dieser Kombination wird auf der einen Seite jede Form der Infantilisierung, auf der anderen Seite jede Form der intellektuellen Überforderung vermieden. Es herrscht eine relativ gute Balance, … die zu halten gar nicht so einfach ist. 
Wenn Menschen mit Beeinträchtigung und ihre Angehörigen einen Klettergarten aufsuchen, so stellt sich die Frage der Leinenlänge, des Sicherheitsnetzes, des Loslassens. Was können wir riskieren und wo stellen wir uns besser näher hin? Im Nachhinein, so pflegt man zu sagen, ist man immer schlauer. Das Danach ist der Zeitpunkt, zu dem die einen Eltern mit Stolz darüber berichten, was ihr Sohn oder ihre Tochter bewerkstelligt hat, oder aber einen gebrochenen Unterarm beklagen. Hier beginnt die eigentliche, in die Zukunft gerichtete Balancefindung. Macht Erfahrung klug und nicht dumm, werden die Schlussfolgerungen nicht extremer Natur sein. Jene Eltern, die ihr Kind mit Erfolgsgefühlen fotografiert haben, werden sich mit dem Risiko anfreunden, ohne dieses draufgängerisch auf eine gefährliche Spitze zu treiben. Jene Eltern, die ihren Sohn oder ihre Tochter ins Krankenhaus bringen mussten, werden beim nächsten Mal die eine oder andere zusätzliche Vorsichtsmaßnahme einbauen, ohne sich ängstlich für alle Ewigkeit vom Klettergarten zu verabschieden. Es herrscht eine relativ gute Balance, … die zu halten gar nicht so einfach ist. 
Betreuungspersonen in der Wohngemeinschaft machen sich ihr Bild davon, was gemeinhin als Aufsichtspflicht gegenüber anvertrauten Personen bezeichnet wird. Mit der Wahrnehmung dieser Verantwortung garantieren sie Schutz. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass Bewohner/innen ihre Privatheit leben und ihre ganz privaten Dimensionen, zeitlich wie räumlich, nach eigenem Ermessen und Gutdünken ausfüllen können, ohne dabei von Fachkräften in der Einrichtung umkreist zu werden. Die Betreuungspersonen wissen, dass die Gewährung von Schutz nur einen Teil ihres Auftrags darstellt und nicht in Omnipräsenz ausarten darf. Die für totale Institutionen typische Kontrollsucht ist etwas ganz anderes als die Schutzgarantie, weil sie ganz allein und ohne ihren Zwilling Privatheitsgarantie auftritt. Wo der Genuss von Schutz und der Genuss von unbetretbarer Privatsphäre verbrüdert auftreten, herrscht eine relativ gute Balance, … die zu halten gar nicht so einfach ist. 
Wenn man so will, ist das Schutz-Freiheit-Spannungsfeld in der sozialen Arbeit eine Variation des Vorsicht-Mut-Dualismus. Auch wenn einzelne Momente während einer Betreuung oder Begleitung als Dilemmata erfahren werden können, ist die grundsätzliche Situation keineswegs dilemmatisch. Im Gegenteil. Menschen mit Beeinträchtigung benötigen, so wie alle anderen, sowohl Schutz wie auch Freiräume zur kreativen Gestaltung ihrer Existenz und niemals bloß eines der beiden. Weder darf Schwimmern das Schwimmen verweigert noch dürfen Nichtschwimmer ins Wasser geworfen werden. Soziale Arbeit ist im Sinne des personenzentrierten Paradigmas immer gekennzeichnet von kalkuliertem Risiko oder, wie man es im Zwillingsdenken gleichberechtigt formulieren könnte, von entschlossener Umsicht. Doch genau dieses Spannungsfeld macht das Ganze zu einem spannenden Feld. 

Lebenshilfe Südtirol