Bernhard Passler besitzt auf der Pertinger Alm nahe Terenten eine Hütte. Sechs Kilometer vom Dorf und drei Kilometer vom Parkplatz entfernt, stellt sie für Insider ein beliebtes Ausflugsziel dar. Im Winter ist die Hütte mit dem Parkplatz durch eine Rodelbahn verbunden, so dass die Gäste, wenn sie wollen, ihre Wanderung rasant beenden können. Dass Bernhard Passler auch Besuche von Mitgliedern der Lebenshilfe erhält, hängt damit zusammen, dass sie seine Freunde sind, die es sich nicht nehmen lassen, ihn zu überraschen.
Bernhard Passler ist einer von vielen Männern der Freiwilligen Feuerwehr Terenten, mit der die Lebenshilfe seit rund zwei Jahrzehnten einen präzise bestimmbaren Kontakt hält. Der ehemalige Stellvertreter des Kommandanten Herbert Engl ist einer von jenen, die sich noch bestens an die unvergessene Edith Lageder aus Bruneck erinnern, welche die Idee hatte, Wintersport-Angebote für Menschen mit Beeinträchtigung um die Disziplin Rodeln zu erweitern und einmal jährlich einen entsprechenden Renntag zu organisieren. Der Standort Terenten bot sich aus verschiedensten Gründen an, und die lokale Feuerwehr wurde angesprochen und eingeladen, sich mit ins Boot zu setzen. Seit damals findet in jedem Winter das Rodelrennen in Terenten statt, bei dem die Terner Feuerwehr aktiv mitwirkt.
Der Moment der Skepsis war im Vorfeld der Premiere kurz, und Berührungsängste kamen gar nicht erst auf. Vielleicht hat Bernhard Passler seine Kollegen von Beginn an angesteckt, ist er doch selbst Vater einer heute jungen Frau, die im Rollstuhl sitzt und im Brunecker Sozialzentrum Trayah arbeitet und wohnt. Sie selbst kann aufgrund ihrer Beeinträchtigung keinen Rodelsport ausüben, im Gegensatz zu den vielen anderen Personen, die sich aus sämtlichen Landesteilen einfinden und angesichts dieser breiten Beteiligung eine regelrechte Landesmeisterschaft austragen, bei der es am Ende einen Sieger bei den Herren, eine Siegerin bei den Damen und eine triumphierende Bezirksmannschaft gibt. Wer den Landesmeister-Pokal nicht einheimst, wird zur Anerkennung unabhängig von seiner/ihrer Platzierung mit einer Medaille ausgezeichnet.
Das Dorf Terenten verfügt über das ideale Gelände für die Durchführung dieser Veranstaltung. Dieses befindet sich im dortigen Freizeitpark. Was im Sommer als Spazierweg gedacht ist, lässt sich im Winter in eine 300 Meter lange und relativ ungefährliche Rodelpiste verwandeln.
Die Feuerwehrleute sind omnipräsent. Sie zäunen die Bahn ab, stellen Orientierungsfähnchen auf, bereiten Tee zu und braten Würstchen. Ihre wichtigste Aufgabe jedoch sind nicht derlei Rahmenaktivitäten, sondern ist ihre Teilnahme am Rennen selbst. Mit wenigen Ausnahmen sind nämlich sämtliche Schlitten Doppelsitzer, bestehend aus einem/einer Teilnehmer/in der Lebenshilfe und einem Feuerwehrmann. Letzterer belegt immer den hinteren Teil des Sitzes und unterstützt so beim Lenken und beim Tempomachen. Erfolge sind demnach Teamwork und können auf diese Weise gemeinsam genossen werden. Natürlich haben Teilnehmer/innen ihre Lieblingspartner, weil sie diese bereits von der einen oder anderen Abfahrt kennen, doch am Ende zählt auch die Neugier auf ein anstehendes Debüt.
Da die Anzahl der Sportler/innen jene der Feuerwehrleute übersteigt, kommt der eine und andere Feuerwehrmann nicht umhin, die Strecke mehrmals und mit verschiedenen Personen zu bewältigen. Da bis zu fünf Läufe zu absolvieren sind, müssen die Startnummern so verteilt werden, dass der Startbereich pünktlich erreicht werden kann. Bei jedem dieser Fußmärsche in die Höhe und dem Hang entlang ist man ebenso jeweils zu zweit und kann sich im Gespräch gemeinsam auf den Lauf einstellen. Profis würden hier von mentaler Vorbereitung sprechen. Jene Teilnehmer/innen, denen sich der gesamte Aufstieg zu beschwerlich gestaltet, können den halben Weg im Auto zurücklegen.
Das Rodelrennen in Terenten ist bereits seit vielen Jahren ein Fixpunkt sowohl im Kalender der Lebenshilfe wie auch in jenem der Terner Feuerwehr. Und natürlich auch im Kalender zahlreicher sportlicher Mitglieder der Lebenshilfe, die dem Termin mit wochenlanger Vorfreude entgegenfiebern. Auch im Dorf selbst stößt der Event auf Interesse, worauf die Anwesenheit von anfeuernden einheimischen Zuschauer/inne/n schließen lässt. Auch die Musikkapelle ist immer mit von der Partie, und der Bürgermeister wurde schon von hochrangigen Landespolitikern zur Veranstaltung begleitet.
„Wir von der Freiwilligen Feuerwehr Terenten“, so Bernhard Passler, „haben das Rodelrennen der Lebenshilfe jährlich auf unserem Programm. Wir teilen die Freude der Sportler/innen und freuen uns unsererseits immer aufs Neue, alte Freunde zu treffen. Einmal im Jahr erleben wir gemeinsam mit diesen erfüllte Stunden, in denen sich Ehrgeiz und Spaß verbinden. Und wenn dann am späten Nachmittag alle gesund die Heimreise antreten, nicht ohne uns umarmt zu haben, wissen wir, dass wir zu einem Supertag beigetragen haben.“
Lebenshilfe Südtirol