Der Verband der Sportvereine Südtirols VSS ist eine Dachorganisation. Er vertritt die Interessen der Südtiroler Sportvereine und trägt wesentlich zur Gestaltung der Rahmenbedingungen des Sportbetriebs in unserer Provinz bei. Seiner Existenz verdanken wir auch und ganz besonders die Förderung des Breitensports.
Der VSS gliedert sich in insgesamt 17 Referate, die sich in der Regel mit Sportarten decken. Ein Gegenbeispiel bildet das Referat „Seniorensport“, das sich der Anliegen einer Kategorie von Menschen annimmt, die sich ihrerseits je nach individuellen Vorlieben und Stärken zu unterschiedlichen Sportarten hingezogen fühlen. Eine zweite Ausnahme finden wir im Referat „Behindertensport“, bei dem sich die horizontale Dimension mit einer vertikalen verbindet. Menschen mit Beeinträchtigung praktizieren nämlich nicht nur unterschiedliche Sportarten, sondern stellen darüber hinaus eine heterogene Kategorie dar. Menschen mit einer körperlichen, Menschen mit einer kognitiven und Menschen mit einer sensoriellen Beeinträchtigung sporteln unter jeweils eigentümlichen Rahmenbedingungen und bringen jeweils spezifische Interessen und Anliegen ein.
Das VSS-Referat „Behindertensport“ steht unmittelbar vor der Feier seines 40. Geburtstags. Nach Herbert Alber und Claudia Dariz ist Markus Kompatscher aus Atzwang der dritte Verantwortliche für diesen Zweig. Er selbst ist einbeiniger Radsportler und verfügte bei der Übernahme des Referats bereits über eine langjährige Funktionärserfahrung, zumal er die Entwicklung der Sportgruppe für Körperbehinderte Südtirol SGKS seit deren Gründung im Jahr 1990 hautnah mitverfolgte. Nach zweijähriger Mitwirkung als Schriftführer wurde er 1992 als 22-Jähriger zum Präsidenten ernannt. In gewisser Weise schließt die Gegenwart einen Kreis, denn gerade das VSS-Referat „Behindertensport“ war es gewesen, das die Formierung der SGKS vorantrieb. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, blinde und sehgeschädigte Menschen sowie gehörlose Menschen hatten bereits fürsprechende Vereine neben sich und einschlägige Sportprogramme entwickelt, während sich Körperbehinderte bis dahin noch nicht organisiert hatten.
Nachdem Markus Kompatscher die Verantwortung für das VSS-Referat „Behindertensport“ übernommen hatte, erlebte er sogleich eine Bekanntschaftserweiterung. Selbst Experte für Bedürfnisse, Anliegen und Interessen von Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung, die zum Großteil Rollstuhlbenutzer/innen sind, war er sofort bereit klarzustellen, dass sein Fachwissen durchgängiger Natur weder ist noch sein kann. Die Kontakte mit Vereinen, die auf andere Formen von Beeinträchtigung spezialisiert sind, erlebt er immer wieder als Bereicherung, und er nutzt diese Quellen von Mal zu Mal dazu, sich neues Wissen anzueignen. Die zweimal jährlich stattfindenden Treffen mit diesen Vereinen, die als Amateursportgruppen eingetragen sind, bieten immer aufs Neue Gelegenheiten, sich mit aktuellen Informationen und Situationen auseinanderzusetzen und gemeinsame Nenner zu entwerfen, um sämtlichen Konstellationen gerecht zu werden.
Abgesehen von anfallenden Verwaltungstätigkeiten, die wie überall zu verrichten sind, hat das VSS-Referat „Behindertensport“ auch Visionen. Wollte man diese möglichst prägnant benennen, so könnte man sagen, dass Zusammenführung und Inklusion als zentrale Werte betrachtet werden. Schritte, die diesbezüglich erörtert oder umgesetzt werden, sind manchmal größere und manchmal kleinere, aber jedes Mal nennenswerte. So bildet beispielsweise die Tatsache, dass bei den Ski-Landesmeisterschaften der Lebenshilfe auch Körperbehinderte sowie Blinde und Sehgeschädigte teilnehmen, eine kürzlich vorgenommene Neuerung. Die Einbindung kognitiv beeinträchtigter Menschen bei den Gesamttiroler Ski-Meisterschaften feierte indes ein Comeback, nachdem diese über mehrere Jahre hinweg körperlich beeinträchtigten Sportler/inne/n vorbehalten war. Bei diesen Wettbewerben finden nach dem Rotationsprinzip die Länder Südtirol, Nordtirol und Osttirol abwechselnd ihre jeweiligen Austragungsorte. Die Schirmherrschaft teilen sich der VSS und die SGKS, wobei letztere federführend von Sektionsleiter Michael Stampfer vertreten wird. Das für 2020 geplante und aufgrund der Covid-Krise entfallene Meeting auf der Seiser Alm soll unter Beibehaltung des Austragungsorts so bald wie möglich nachgetragen werden. Ein drittes Beispiel für die Bemühungen um Zusammenführung ist das jährliche, vom lokalen Sportverein koordinierte Radkriterium in Kastelbell, bei dem mit den transplantierten Sportler/inne/n auch solche mit von der Partie sind, die nach traditionellem Muster nicht als Menschen mit Beeinträchtigung einzustufen sind.
Es gibt einen Anlass, zu dem sich sämtliche Referate des VSS zusammen einfinden. Wir sprechen vom einmal jährlich, zuletzt in Latsch abgehaltenen und intern so genannten „Sportfest“, das dem Modell einer Freizeitmesse nachempfunden ist. Jedes einzelne Referat präsentiert sich mit einem Stand und bringt Sportgeräte mit, die das Publikum vor Ort kennen lernen und ausprobieren kann. Das Referat „Behindertensport“ stellt den Besucher/inne/n beispielsweise ein Handbike oder einen Sledgehockey-Schlitten zur Verfügung, und auch so manche/r selbst nicht beeinträchtigte Sportbegeisterte/r findet es spannend, sich daraufzusetzen.
„Wenn ich“, so Markus Kompatscher, „die heutige mit der früheren Zeit vergleiche, so kann ich feststellen, dass die Akzeptanz des Behindertensports im Laufe der Jahre enorm zugenommen hat. Diese Steigerung betrifft nicht nur unseren Gesamtverband, innerhalb dessen das Interesse an meinem Referat kontinuierlich gewachsen ist, sondern auch die Gesellschaft als ganze, die auf dem Weg ist, sich der Bedeutung von Inklusion bewusst zu werden. Wenn ich zum Beispiel, wie im vergangenen Sommer im Unterland geschehen, sehe, wie das Referat „Fußball“ Gruppen von Vereinen zu einem Turnier einlädt, die sich als Amateursportgruppen für beeinträchtigte Menschen einsetzen, so erfüllt mich das mit großer Freude. Es wird deutlich, dass das Interesse am Miteinander vorhanden ist, was wiederum mich in meiner Funktion als Leiter des VSS-Referats „Behindertensport“ bestärkt.“
Lebenshilfe Südtirol