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Organisationen im Vergleich

Sport
Schirennläufer

Wenn Menschen mit Beeinträchtigung Sport betreiben, so tun sie dies so gut wie immer als Mitglieder eines Vereins wie zum Beispiel der Lebenshilfe. Diese schreibt sich jährlich bei zwei großen Organisationen ein. Es sind dies Special Olympics Italia und die Federazione Italiana Sport FIS, genauer gesagt deren Zweig Federazione Italiana Sport Paralimpici degli (früher: „disabilità“) Intellettivo Relazionali FISDIR. Eingeschrieben werden neben dem Verband als Amateursportverein von Mal zu Mal auch die einzelnen Sportler/innen, die bei ausgeschriebenen Wettbewerben teilnehmen wollen. Die Kontakte sowohl zur FISDIR wie auch zu Special Olympics Italia erfolgen in der Lebenshilfe durch die hauptamtliche Mitarbeiterin Karin Hört und den ehrenamtlichen Mitarbeiter Roland Schroffenegger, der neben seiner Rolle als Langlauftrainer einen großen Teil des Managements im Bereich der wintersportlichen Aktivitäten der Lebenshilfe-Mitglieder innehat. Seine Besprechungen mit den Verantwortlichen der genannten Organisationen mit Sitz in Rom finden mit einer gewissen Regelmäßigkeit statt und beziehen sich auf Trainingsfragen, Trainingspläne, Wettbewerbstermine und andere Angelegenheiten von punktueller Wichtigkeit. Auf diese Weise entsteht ein wertvoller Informationsaustausch zu aktuellen Lagen, Programmen und Entwicklungen. Ein Saison für Saison wiederkehrendes Thema im Zusammenhang mit der FISDIR ist jenes der nordischen Nationalmannschaft, nicht nur ein besonderes, weil Sohn Peter seine Nominierungen ein ums andere Mal praktisch in der Tasche hat, sondern auch, weil ein paar andere Südtiroler Langläufer/innen vom nationalen Verband gesichtet wurden und vor einer möglichen Einberufung in den Kader stehen. Mit einer solchen Beförderung würden sie sich wie Peter die Teilnahme an Weltmeisterschaften sichern. 
Außenstehenden wird häufig nicht ersichtlich, warum es mit der FISDIR als Zweig im Organigramm der FIS und Special Olympics Italia zwei verschiedene Entitäten gibt, die sich dem Sport von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung widmen. Eine in der Tat merkwürdige Konstellation, umso mehr, als sich die Kontakte zwischen beiden in Grenzen halten. Für die Sportler/innen selbst spielt dieser Umstand kaum eine Rolle. Sie schreiben sich einmal hier, einmal dort und einmal zweifach ein und treten unterschiedslos an, wo immer es sich zeitlich oder aus Arbeitsgründen gerade gut ausgeht. Wollte man den Unterschied zwischen den beiden Organisationen benennen, so verweist man am besten auf deren Grundhaltungen, die sich mit der Heranziehung der Begriffe „Leistung“ (FISDIR) und „Spaß“ (Special Olympics Italia) charakterisieren lassen. 
Die FISDIR nahm vom Comitato Italiano Paralimpico CIP den Auftrag an, den Sport von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zu koordinieren, zu entwickeln und zu organisieren. Mit dieser Selbstverpflichtung bewegt sie sich im Umkreis des Comitato Olimpico Nazionale Italiano CONI, der den CIP als öffentliche Institution anerkennt und unter seinem Dach beherbergt. Das Bekenntnis zum Leistungsprinzip im Sport gilt also bei der FISDIR so wie in all jenen Kontexten, die wir als Normalverbraucher kennen, seit wir in den Zeitungen Sportrubriken lesen und im Fernsehen Fußballspiele, Tennispartien, Radrennen oder Riesentorläufe verfolgen. 
Special Olympics seinerseits ist zunächst eine globale Bewegung, die dann in einzelnen Staaten ihre lokalen Ausprägungen erfährt. Sie verfolgt das Ziel einer inklusiven und von gegenseitigem Respekt getragenen Gesellschaft, in der jede/r Einzelne unabhängig von seinem/ihrem Sosein seinen/ihren individuellen Platz findet. Dem vom Leistungsprinzip ableitbaren kämpferischen Gegeneinander wird das unterhaltsame Miteinander entgegengestellt. Ganz im Einklang mit dem berühmten Schwur gilt hier jede/r, der/die wohlwollend auf andere Menschen zugeht und sich bemüht, als Sieger/in, auch wenn er/sie nicht gewinnt. 
Während also die FISDIR für den ganz normalen Sport steht, wie wir ihn aus den Medien kennen, promoviert Special Olympics den etwas anderen. Während die FISDIR Meisterschaften (campionati) austrägt, hält Special Olympics Spiele (giochi) ab. Während die Sportler/innen bei FISDIR-Bewerben gegen beliebige und deshalb möglicherweise um Klassen überlegene oder unterlegene Konkurrent/inn/en anzutreten haben, beginnen Special-Olympics-Veranstaltungen, um am Beispiel der Nordischen zu bleiben, mit Sortierungsläufen, auf deren Basis Divisionen gebildet werden. Diese bestehen aus maximal sechs sich auf einem homogenen Leistungsniveau bewegenden Läufer/inne/n, so dass (die am Ende gar nicht so wichtigen) Siege und Niederlagen stets relativ knapp ausfallen. 
Die beiden Organisationen machen ihr jeweils eigenes Ding, sind aber in keiner Weise gegeneinander verfeindet. Zu eindeutig sind die Berührungspunkte. So wie Yin und Yang tragen sie Elemente der jeweils anderen in sich. Beide organisieren Sportevents sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene, beide prämieren sämtliche Sportler/innen unabhängig von ihren Platzierungen, beide unterscheiden zwischen Podest-Plätzen und Nicht-Podest-Plätzen, und beide sorgen für Umrahmungen, in denen abseits des Wettbewerbsgeschehens Geselligkeit gelebt werden kann. So gesehen ist die FISDIR weit entfernt von nüchterner Kälte, so wie die Special-Olympics-Bewegung keineswegs im Sinn hat, schlaffe Einebnungen um jeden Preis vorzunehmen. „In diesem Sinn“, so Roland Schroffenegger, „sind die Unterschiede zwischen FISDIR und Special Olympics in der Praxis gar nicht so groß wie man nach einem ersten Blick auf die weltanschauliche Basis vermuten könnte. Und wenn die einen den Leistungsaspekt und die anderen den Spaßaspekt des Sports von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung in den Vordergrund stellen, so dürfen wir nicht vergessen, dass beide Momente, jedes für sich, ihren ganz eigenen Stellenwert haben und am besten wirksam werden, wenn sie sich miteinander verbinden. Ehrgeizige Konkurrenz und gelassene Unterhaltung bilden nämlich keinen Widerspruch und lassen sich optimal kombinieren, nicht zuletzt deshalb, weil Sporttage nie nur aus Rennen, sondern auch aus Tanzabenden bestehen. Das sagen jedenfalls meine Erfahrungen, die ich als Begleiter im Inland wie im Ausland sowohl bei Meisterschaften wie auch bei Spielen sammeln konnte.“ 

Lebenshilfe Südtirol