Wir alle haben ein intuitives Verständnis dessen, was Sport ist. Viele Menschen sind selbst sportlich aktiv, und unabhängig vom Grad der jeweils eigenen individuellen Sportlichkeit verfolgen zahlreiche Bürger/innen dieser Welt die eine und andere Übertragung oder lesen entsprechende Medienberichte mit stärker oder schwächer ausgeprägtem Interesse. Zwischen dem vollkommen Unbeteiligten bzw. Laien und dem eingefleischten Fan bzw. Experten gibt es, so wie in allen Fachbereichen, Zwischenstufen wie im Farbenspektrum.
Der Versuch, dieses Vorverständnis in Worte zu fassen, führt uns zur Frage, welche Elemente charakteristisch sind für das, was wir als Sport bezeichnen. Unsere Antworten sind eine Mischung aus dem, was sich generell als Sport ausgibt, und dem, was Sport unserer Meinung nach ausmachen sollte. Begeben wir uns in dieses Spannungsfeld, so kann es geschehen, dass sich nach jeder Antwort neue Fragen aufwerfen. Aber egal, versuchen wir es trotzdem! Wir nennen hier probeweise fünf Elemente und kommentieren sie der Reihe nach: körperliche Bewegung, Gesundheit, Unterhaltung, Wettbewerb und Fairness.
Körperliche Bewegung – Körperlichkeit drängt sich als wesentliches Merkmal sportlicher Betätigung auf. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass der größte Teil unserer motorischen Aktivitäten alltagspraktischen Zwecken dient, ohne als sportliche eingestuft werden zu können. Es sieht so aus, als müssten wir das Moment der körperlichen Bewegung dahingehend präzisieren, dass wir es in einen spezifischen Kontext stellen. Als sportliche steht körperliche Bewegung außerhalb der Alltagspraxis, hat rituelle Komponenten und verfolgt als Ziel die Fitness. Allzu streng nehmen dürfen wir diese Bestimmungen allerdings nicht. Für eine/n professionelle/n Sportler/in gehört beispielsweise das Training zu seiner/ihrer Alltagspraxis. Und überhaupt: wie allgemeingültig ist das Element der körperlichen Bewegung? Wie integrieren wir Schach? Ist Denksport überhaupt Sport? Entscheiden Sie selbst!
Gesundheit – Ärzt/inn/e/n und Therapeut/inn/en empfehlen Sport, weil er der Gesundheit förderlich ist. Er stärkt das Immunsystem und beugt Übergewicht und Erkrankungen vor. Er fördert das innere Gleichgewicht und die Harmonie der Ebenen, worauf bereits die antiken Römer mit ihrem berühmten Spruch „Mens sana in corpore sano“ verwiesen. Diesem stellte Jahrtausende später ein deutscher Kabarettist die Aussage „Sport ist Mord“ gegenüber. Auch wenn er damit nur auf selbstironische Weise seine eigene fehlende Affinität zu sportlicher Betätigung zum Ausdruck brachte, artikulierte er eine Tatsache von gewisser Gültigkeit. Was wir Sport nennen, kann nämlich sehr wohl Komponenten besitzen, die eine vollkommen andere Richtung einschlagen. Sportler/innen gehen an ihre Grenzen und darüber hinaus, nehmen fragwürdige Substanzen zur Leistungssteigerung ein und gefährden damit nicht nur ihre Gesundheit, sondern vielleicht sogar ihr Leben. Ist das überhaupt noch Sport? Entscheiden Sie selbst!
Unterhaltung – Das Moment von Spaß und Freude ist das zentrale, wenn wir die Etymologie bemühen. In der Tat ist das Wort „Sport“ auf das englische Verb „to disport“ zurückzuführen, das übersetzt so viel wie „sich unterhalten“, „sich vergnügen“, „sich die Zeit vertreiben“ bedeutet. Hobby-Sportler/innen beschreiben ihre Aktivitäten für gewöhnlich als unterhaltsam und meiden sämtliche Ausformungen und Varianten, von denen sie Stress befürchten, auch wenn sie ungemütliche Augenblicke nicht scheuen, sofern alles in allem das Vergnügen überwiegt. Keine Frage, dass sich auch Profis unterhalten, doch wenn es darauf ankommt, kann es in deren Milieu todernst werden. Die verbissene Siegessucht verdrängt den Spaß, und Schluss ist mit Lustig. Ist das überhaupt noch Sport? Entscheiden Sie selbst!
Wettbewerb – Es gehört zum Sport, sich mit anderen zu messen. Menschen konkurrieren miteinander und prüfen, wer schneller läuft oder fährt, höher oder weiter springt, öfter trifft und so fort. Gerade der Wettbewerb ist es, der den Sport, egal ob man ihn aktiv ausübt oder passiv konsumiert, so hochgradig aufregend macht. Wer sportaffin ist, erlebt im Sport spannende Momente wie kaum anderswo. Doch was, wenn jemand allein unterwegs ist? Wenn er/sie eine Jogging-Runde dreht oder eine Radtour unternimmt? Viele Jogger/innen und Radtourist/inn/en tragen Quasi-Wettbewerbe aus, indem sie Zeiten oder Höhenmeter messen und sich auf diese Weise mit sich selbst vergleichen. Außerdem sind Laufen und Radfahren Sportarten, in denen es anerkannte Wettkämpfe gibt. Etwas anders gelagert ist die Situation, wenn wir an Wanderungen und Bergbesteigungen denken. Ist Reinhold Messner ein Sportler oder „nur“ ein durch und durch fitter Mensch? Entscheiden Sie selbst!
Fairness – Zum olympischen Eid gehört das Versprechen eines jeden Sportlers und einer jeden Sportlerin, das Fairness-Gebot zu beachten. Dieses beinhaltet den Respekt vor den Gegner/inne/n und die wohlwollende Anerkennung von Leistungsunterschieden, auch wenn diese zum eigenen Nachteil und deshalb zur eigenen Enttäuschung ausfallen. Nicht umsonst ist das Wort „sportlich“ mehrdeutig und kann sowohl „fit & aktiv“ als auch „fair & korrekt“ bedeuten. Doch neben den fairen Sportler/inne/n gibt es, in der Amateur- wie in der Profi-Welt, auch solche, die dopen, hinterlistige Fouls begehen, ihre Konkurrent/inn/en einschüchtern bzw. demütigen oder im Falle von Niederlagen alle möglichen Ausreden erfinden. Kommt Fairness vollkommen abhanden, haben wir Krieg. Ist das überhaupt noch Sport? Entscheiden Sie selbst!
Keines der fünf genannten Momente ist exklusiv dem Phänomen Sport zugehörig. Wir kennen körperliche Bewegung aus dem Alltag, sprechen von Gesundheit im Zusammenhang mit Diäten, unterhalten uns im Theater, konkurrieren miteinander bei Ausschreibungen und versuchen in einem Streit, fair zu bleiben. In ihrer Summe und Kombination jedoch können sie zumindest versuchsweise und ohne Anspruch auf Vollständigkeit herangezogen werden, um Sinn und Bedeutung von „Sport“ zu explizieren. Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass jeder Definitionsversuch Zweifel aufkommen lässt, die uns auffordern, genauer nachzudenken und präziser zu werden. Dies hat auch damit zu tun, dass wir jederzeit zwischen dem, was in unserer Gesellschaft als Sport gilt und medial präsentiert wird, und dem, was unserer persönlichen Meinung nach Sport sein sollte, hin und her pendeln. Was uns beim Nachdenken zwar anstrengen mag, der Sache nach aber kein Problem darstellt, weil für persönliche Meinungen auch bei diesem Thema genug Platz vorhanden ist.
Lebenshilfe Südtirol