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Stufen der Vereinfachung

Leichte Sprache
Gruppe

Wenn wir miteinander kommunizieren, verbindet uns zunächst die Alltagssprache. Diese bestimmt jeden mündlichen Austausch und genügt in der Regel allen praktischen Erfordernissen, denen wir in unseren täglichen Lebensvollzügen begegnen. Einen Sprung erleben die meisten von uns, wenn es darum geht, auf die Standardsprache zu wechseln, was erwartet wird, sobald wir eine Rede halten, in einen schriftlichen Austausch treten oder einen Text verfassen. Von dort aus ist eine weitere Stufe zu erklimmen, wenn wir uns in ein Fachgebiet integrieren wollen, in dem ein spezifischer Jargon zu beherrschen ist. Wissenschaftler, Handwerker, Politiker, Sozialexperten usw. bedienen sich in ihren jeweiligen Eigenschaften einer jeweils besonderen Fachsprache, die ihren jeweils individuellen Tätigkeitsfeldern angepasst ist. 
Der Wunsch, das Bedürfnis nach Vereinfachung betrifft uns potenziell und punktuell alle. Den Geschichtsprofessor beim Arzt, den Unterrichtsminister beim Mechaniker, den Gesundheitsexperten beim Computertechniker. Umso offensichtlicher wird dadurch der Umstand, dass es Menschen gibt, die auch dort auf Sprachvereinfachung angewiesen sind, wo viele von uns es im ersten Moment nicht vermuten würden. Selbst der Alltags- und vor allem der Standardsprache wohnen Komplexitäten inne, die nicht von allen gleichermaßen bewältigt werden können.
 Die so genannte Einfache und die so genannte Leichte Sprache ist für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung entwickelt worden. Dass von Übersetzungen in vereinfachte Sprache auch andere wie etwa Menschen mit Migrationshintergrund (und beileibe nicht nur diese) profitieren, ist dabei ein willkommener Nebeneffekt. Die Adjektiva „einfach“ und „leicht“ wirken auf den ersten Blick bedeutungsgleich, doch dadurch, dass sie in diesem Zusammenhang, worauf der Großbuchstabe hinweist, als Fachwörter verwendet werden, ist dies nicht der Fall. Leichte Sprache ist leichter als Einfache Sprache. Übersetzungen in Leichte Sprache sind schwieriger zu bewerkstelligen als Übersetzungen in Einfache Sprache. Um einen Text als Text in Leichter Sprache anerkannt zu bekommen, müssen mehr Regeln berücksichtigt werden als für einen Text, der sich als Text in Einfacher Sprache deklariert. Übersetzungen von Standardtexten in Texte in Einfacher Sprache laufen also lockerer ab als Übersetzungen von Standardtexten in Texte in Leichter Sprache. 
Aus all diesen Gründen ist es nicht möglich, für die Erklärung des Unterschieds zwischen Einfacher Sprache und Leichter Sprache mit einer Beschreibung ersterer zu beginnen. Man muss umgekehrt vorgehen. Das gesamte gegenwärtig gültige Regelwerk zur Verfassung von Texten in Leichter Sprache findet man auf der Homepage der Forschungsstelle Leichte Sprache am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Universität Hildesheim. „Unser Ziel“, so heißt es dort, „ist es, einen Beitrag zur Erforschung und Etablierung der Leichten Sprache und weiterer verständlichkeitsoptimierter Varianten des Deutschen zu leisten und die damit verbundene Textpraxis zu professionalisieren. Dafür machen wir verschiedene Forschungs- und Praxisprojekte. Uns interessiert es, wie Texte aussehen müssen, damit sie in einer bestimmten Situation sehr gut funktionieren für Nutzende mit besonderem kommunikativem Bedarf.“ Das in Hildesheim aufgestellte Regelwerk für Leichte Sprache umfasst mit der Zeichenebene, der Wortebene, der Satzebene und der Textebene vier Ebenen. 
Zeichenebene – In Bezug auf die Verwendung von Zeichen sieht das Regelwerk die Einfügung von Bildern, Grafiken und Fotos vor. Ziffern werden als Zahlen geschrieben. Komposita werden durch den neu erfundenen Mediopunkt getrennt. Die Schriftart ist schnörkellos, die Schriftgröße überdurchschnittlich und der Zeilenabstand von einer Dimension, die während des Lesens ein problemloses Weiterspringen erlaubt. 
Wortebene – Übersetzer/innen in Leichte Sprache konzentrieren sich auf den Grundwortschatz. Sie verwenden möglichst kurze Wörter und vermeiden Fachbegriffe und sämtliche Fremdwörter, die nicht bereits in den Grundwortschatz eingedrungen sind. Ebenso vermeiden sie Abkürzungen und schreiben alles aus. 
Satzebene – Wer Standardtexte in Leichte Sprache übersetzt, kleidet jede Aussage in einen abgeschlossenen Satz, vermeidet den Konjunktiv, den Genitiv und generell Nebensätze, was zur Folge hat, dass Texte von Beistrichen befreit werden. Das Wort „nicht“ wird zum Zweck der unmittelbaren Erkennbarkeit einer Negation fett gesetzt. 
Textebene – Übersetzer/innen in Leichte Sprache vermeiden das Personalpronomen der dritten Person und verwenden stattdessen immer den Eigennamen, auch wenn dieser mehrfach zu wiederholen ist. Bei Verben des Sagens und Denkens wird in die direkte Rede gewechselt, um Nebensätze zu vermeiden. Es werden bei Bedarf Schlagwörter bzw. Zwischentitel eingefügt, um eine relative Texteinheit deutlich sichtbar zu machen. In Bezug auf spezifische Fragen der adäquaten Zusammenfassung des Standardtextes bzw. der angemessenen Bebilderung sind Regeln freilich nicht konkret formulierbar. Hier sind Intuition und Kreativität der Übersetzer/innen gefragt. 
Bereits diese äußerst verkürzte Wiedergabe einiger zentraler Bestandteile des Regelwerks zur Leichten Sprache dürfte deutlich machen, dass die Befähigung zum/zur Übersetzer/in von Standardtexten in Texte in Leichter Sprache ein akkurates Studium voraussetzt. Um einiges weniger gebunden ist, wer sich an eine Übersetzung in Einfache Sprache macht. Der Grund liegt darin, dass für Einfache Sprache kein standardisiertes Regelwerk vorliegt und jede Definition für Einfache Sprache in einer Reihe von Erlaubnissen besteht, die für die Leichte Sprache nicht gelten. Texte in Einfacher Sprache können durch längere Sätze und Nebensätze gekennzeichnet sein, Wörter enthalten, die in der Leichten Sprache vermieden würden, und Absätze dort vornehmen, wo wir sie auch in der Standardsprache antreffen würden. Bei allen Unterschieden zwischen Leichter und Einfacher Sprache ist festzuhalten, dass beide Varianten einer Bemühung sind, durch Vereinfachungen Menschen den Zugang zu Informationen zu erleichtern bzw. zu ermöglichen. Je nach Kontext mag die Präsentation eines Textes in Einfacher Sprache genügen oder eine Präsentation eines Textes in Leichter Sprache erforderlich sein. 

Lebenshilfe Südtirol