Helga Mock ist seit 2018 Mitarbeiterin der Lebenshilfe, wo sie das Büro für Leichte Sprache OKAY koordiniert. Sie studierte in Innsbruck Pädagogik, arbeitete dann in verschiedenen Einrichtungen der Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung, anschließend eine längere Zeit in der Landesverwaltung. Sie interessierte sich immer schon für eine Vereinfachung der Sprache, damit diese für alle verständlich wird. Unter anderem arbeitete sie auch mit Bildern (Visualisierung). Da kam ihr die Begegnung mit der Leichten Sprache natürlich entgegen. Sie und ihre Kollegin Ulrike Federspiel starteten zu zweit mit der Arbeit im Büro OKAY. Inzwischen ist ein fünfköpfiges Team herangewachsen. Ich traf Helga Mock, um von ihr zu erfahren, wie sie zu dieser Arbeit kam und welche Erfahrungen sie bis heute sammeln konnte.
PE: Du erzähltest, dass du gemeinsam mit deiner Kollegin eine besondere Ausbildung für Leichte Sprache absolviertest. Wo und wie war das?
Helga Mock: Das war in München bei der Akademie der Bayerischen Presse. Wir besuchten zunächst ein Grundmodul, um im Jahr darauf bei einem Aufbaumodul unser Wissen zu vertiefen. Inzwischen konnten wir zusätzlich an einem weiterführenden Seminar an der Universität Hildesheim teilnehmen und uns mit den neuesten Erkenntnissen auseinandersetzen. Dort gibt es eine Forschungsstelle für Leichte Sprache, und es wurde auch ein Duden dazu herausgegeben. Unsere Arbeit orientiert sich an den Richtlinien jener Forschungsstelle. Leichte Sprache hat eine bereits längere Geschichte. Sie kam ursprünglich aus den USA und über Nordeuropa nach Mitteleuropa. Sie entsprang einem Bedürfnis von Menschen mit Lernschwierigkeiten, die nach Wegen suchten, Texte verständlich aufbereitet zu bekommen. Dass sich Universitäten mit Leichter Sprache beschäftigen, ist noch nicht so lange her. Den von Christiane Maas und Ursula Bredel verfassten Duden etwa gibt es erst seit 2016.
PE: Erklärst du mir an dieser Stelle den Unterschied zwischen Leichter und Einfacher Sprache?
Helga Mock: Das Niveau der Leichten Sprache entspricht dem Niveau A1 auf jener differenzierten Skala, die im Zusammenhang mit der Erlernung einer Sprache angewandt wird. Die Einfache Sprache befindet sich auf einem höheren Niveau. Mit dem Anstieg des Niveaus nimmt die Komplexität zu, und auf diese Weise schreiten wir zur Alltagssprache, zur Standardsprache und zur Fachsprache fort. Leichte Sprache verwendet die wirklich einfachsten Wörter aus dem Grundwortschatz, reduziert so weit wie möglich Fachwörter und erklärt sie, wenn sie gebraucht werden müssen. Sie verzichtet auf Nebensätze und den Genitiv und vereinheitlicht die Zeitformen. Hinzu kommt die Anwendung einer spezifischen Schriftgröße sowie eines spezifischen Zeilenabstands. Die Sätze selbst sind so kurz wie möglich, werden durch Absätze getrennt und bei Bedarf mit Überschriften und Illustrationen versehen. Texte in Leichter Sprache werden grundsätzlich mit Bildern oder Piktogrammen kombiniert, um ein Höchstmaß an Verständlichkeit zu erreichen. Präsentiert sich hingegen ein Text als Text in Einfacher Sprache, so stoßen wir auf verschiedene Formen. Einfache Sprache ist nicht in derselben Weise standardisiert wie Leichte Sprache. Einfache Sprache setzt auch Wörter ein, die in der Leichten Sprache zu schwierig wären, verwendet mehr Zeitformen und gebraucht auch Nebensätze. Alles in allem sind die verwendeten Wörter natürlich relativ einfach und werden nur äußerst selten durch erklärende Einschübe ergänzt.
PE: Ihr habt für die Landesverwaltung einige Texte in Leichte Sprache übersetzt, darunter auch unser Landesgesetz Nr. 7 zur Umsetzung der UN-Konvention. Ich stelle mir die Arbeitsschritte alles eher als leicht vor. Zuallererst muss aus dem umfangreichen, hochkomplexen Text das Wesentliche herausgefiltert und sodann das Gefilterte in Leichte Sprache übertragen werden. Wie viel Kopfzerbrechen verursacht das?
Helga Mock: Übersetzungen dieser Art gestalten sich in der Tat langwierig. Wenn es gilt, eine derartige Fülle von Sätzen möglichst stark zu reduzieren, ist der Aufwand erheblich. Wir müssen auch bedenken, dass wir eine große Verantwortung tragen. Immerhin stehen wir laufend vor Entscheidungen, was wichtig ist und was man übergehen kann. Dies erfordert ein jederzeit waches Mitdenken und fordert stark. Wachsende Erfahrung ist natürlich hilfreich, wenn man sich an derart anspruchsvolle Aufgaben heranwagt. Wichtig ist allerdings, dass man bei Übersetzungsarbeiten absolute Ruhe braucht und die Gelegenheit hat, immer wieder Pausen einzulegen, um den Kopf frei zu bekommen. Doch vergessen wir nicht, dass auf dem Weg zum Endergebnis mehrere Personen miteinbezogen sind. Wenn ich selbst die erste Übersetzung mache, taucht in einem zweiten Schritt eine/r meiner Kolleg/inn/en in den Text ein, und in einem dritten Schritt wird die Prüflesung organisiert. Bevor also ein Text aus der Hand gegeben wird, gestalten mehrere Personen in einem mehrstufigen Prozess mit.
PE: War es von Beginn an vorgesehen, dass ihr eure Übersetzungen zu zweit macht?
Helga Mock: Ja, von Beginn an. Eines der Qualitätskriterien beinhaltet nämlich die Vier-Augen-Korrektur. Unsere Dienststelle OKAY befindet sich zusätzlich in der besonderen Situation der Zweisprachigkeit. Texte in deutscher Leichter Sprache werden ins Italienische übersetzt und umgekehrt. Dies hat zur Folge, dass unser Mitarbeiter italienischer Muttersprache seinerseits möglicherweise inhaltliche Änderungen in deutschen Ausgangstext anregt, so dass aus der ursprünglichen Vier-Augen-Korrektur eine Sechs-Augen-Korrektur wird. Und wenn am Ende dann noch die Prüfleser/innen in den Gesamtprozess eingegriffen haben, hat ein Text wirklich eine ganze Reihe von Stufen durchlaufen.
PE: Wer sind diese Prüfleser/innen und welche Kompetenzen bringen sie mit?
Helga Mock: Prüfleser/innen sind Menschen mit Lernschwierigkeiten bzw. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, das heißt Menschen aus jener Zielgruppe, für die wir die Übersetzungen in Leichte Sprache vornehmen. Um diese Mitarbeit kompetent verrichten zu können, absolvierten sie eine einschlägige Kurzausbildung. Prüflesungen sind Gegenlesungen, die den Zweck haben, das Produkt der Übersetzer/innen zu bestätigen oder zu korrigieren. Die Prüfleser/innen setzen sich in Begleitung mit unseren Texten auseinander und melden uns zurück, ob sie alle einzelnen Textteile gut verstanden haben oder ob es noch unklare Stellen gibt. Im zweiten Fall stehen wir vor dem Auftrag, die entsprechenden Textstellen neu zu bearbeiten und so weit weiter zu vereinfachen, bis sie klar verständlich sind. Prüfleser/innen, deren scheinbare Schwächen sich durch diese Art der Mitarbeit in spezifische Stärken verwandeln, sind hochbedeutsame Komponenten im gesamten Ablauf der Erstellung von Texten in Leichter Sprache. Ohne Prüflesungen schließen wir keinen Text ab.
PE: Worin bestand die Ausbildung der Prüfleser/innen?
Helga Mock: Die Ausbildung zum/zur Prüfleser/in fand vor drei Jahren im Rahmen eines von der Lebenshilfe organisierten Seminars statt. Zwei Referentinnen aus Deutschland bearbeiteten mit den damals interessierten Personen in spielerischen Übungen folgende und weiterführende Fragen: Wer bin ich als Prüfleser/in? Was ist für mich wichtig? Wie kann ich mich gut einbringen? Wie kann ich gut rückmelden? OKAY kann heute auf die Mitarbeit von vier Prüfleser/inne/n zurückgreifen, die sich als Expert/inn/en in Leichter Sprache bezeichnen können. Es gibt auch eine Richtung innerhalb der Leichten Sprache, in der Übersetzer/innen und Menschen mit Lernschwierigkeiten vom ersten bis zum letzten Arbeitsschritt zusammenarbeiten. Einen solchen Zugang stelle ich mir jedoch schwierig vor.
PE: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit euren Auftraggeber/inne/n?
Helga Mock: Die Auftraggeber/innen erhalten unsere Texte zur inhaltlichen Kontrolle. Weitere Augenpaare auf dem Weg der Entstehung neuer Texte! Wir machen die schöne Erfahrung, dass Menschen und Institutionen, die sich mit einem Auftrag an uns wenden, Interesse an barrierefreier Kommunikation und an den verschiedenen Zielgruppen von Leichter oder Einfacher Sprache haben. Einige unserer Auftraggeber/innen nahmen auch selbst an Seminaren zur Leichten Sprache teil. Sie haben also Kenntnisse von den Kriterien für Leichte Sprache bzw. ein Gefühl dafür, wo und wann ihr Einsatz sinnvoll ist, denken in diesem Sinne mit und bringen Vorschläge ein.
PE: Das ist eine schöne Mitteilung zum Abschluss unseres für mich sehr lehrreichen Gesprächs. Ein großes Dankeschön für deine Bereitschaft, und euch allen, die ihr an diesem spannenden Projekt arbeitet, wünsche ich eine immer angenehme und fruchtbare Zusammenarbeit!
Lebenshilfe Südtirol