Die einst provokante These, dass Menschen nicht behindert sind, sondern behindert werden, hatte mit den Effekt, dass man vielerorts beschloss, den Ausdruck „Menschen mit Behinderung“ mit dem Ausdruck „Menschen mit Beeinträchtigung“ zu ersetzen. Auf diese Weise wurde es möglich, die Begriffe „Behinderung“ und „Barriere“ auf ein und dieselbe semantische Ebene zu heben. Behinderung ist auf diesem Hintergrund kein Sosein mehr, sondern das Erleben von Hindernissen und damit auch die partielle bis totale Absenz von Teilhabe. Im Umkehrschluss bedeutet der Abbau von Barrieren die Reduktion von Behinderung und somit den Zuwachs an Partizipation.
Mit den bürokratischen, den architektonischen und den kommunikativen Barrieren können wir ohne Anspruch auf Vollständigkeit dieser Klassifikation drei Hindernistypen unterscheiden. Menschen können beispielsweise Behinderung erfahren, wenn sie mit Zugangsvoraussetzungen zur Besetzung einer Arbeitsstelle oder zur Wahrnehmung von Freizeitangeboten konfrontiert werden, die im öffentlichen Diskurs als zu restriktiv problematisierbar sind. Menschen können Behinderung erfahren, wenn sie als körperlich beeinträchtigte Personen ihr Mobilitätspotenzial nur äußerst eingeschränkt wahrnehmen können. Und Menschen können Behinderung erfahren, wenn die Bedingungen fehlen, um sich mitzuteilen bzw. in den Besitz von Informationen zu gelangen.
Kommunikative Barrieren stehen also in einem umfassenderen Kontext und können ihrerseits einer differenzierten Betrachtung unterzogen werden, die auf Formen, Arten und Grade von Beeinträchtigung Bezug nimmt. Hörbeeinträchtigte und blinde bzw. sehbeeinträchtigte Menschen haben etwa mit der Gebärdensprache bzw. mit der Blindenschrift zielgruppenspezifische Verständigungssysteme erfunden. Hörgeräte und Implantate auf der einen Seite, Lupen, Bildschirmlesegeräte, Markierungssysteme, Großtastentelefone, sprechende Geräte und einiges mehr auf der anderen Seite stellen außerdem technische Hilfsmittel dar, welche die Aufnahme von alltäglichen Informationen und somit auch Interaktionen ermöglichen.
Eine gesonderte Erwähnung verdient die so genannte Unterstützte Kommunikation, von der Menschen jeden Alters sowie Formen, Arten und Grade von Beeinträchtigung übergreifend profitieren, die über eine begrenzte, schwer verständliche oder gar überhaupt keine Lautsprache (mehr) verfügen. Unterstützte Kommunikation kann als Ausdrucksmittel, zur Unterstützung des Erwerbs oder Wiedererwerbs von Sprache, zur Unterstützung der vorhandenen Sprache oder als Ersatzsprache eingesetzt werden. Dabei wird zwischen körpereigenen und körperfremden Methoden oder Kommunikationsformen unterschieden. Erstere beziehen sich auf Blickkontakt, Atmung, Gestik, Mimik, Gebärden und Handzeichen. Letztere greifen auf den Einsatz von Kommunikationshilfen zurück, die wie Gegenstände, Fotos, Piktogramme, Symboltafeln, Kommunikationsmappen und anderes mehr nicht-elektronischer oder wie im Fall von Kommunikationsgeräten verschiedenster Art elektronischer Natur sein können.
Gehörlose Menschen, blinde Menschen und Menschen ohne Lautsprache leben mit organisch bedingten Benachteiligungen, welche die Kommunikation generell, auf jeder Ebene und in jedem Daseinsbereich, erschwert. Menschen mit ausschließlich kognitiver Beeinträchtigung bzw. mit Lernschwierigkeiten haben es einfacher. Sie benötigen weder Hör- noch Sprachausgabegeräte und interagieren zuhause, bei der Arbeit, in der Freizeit und im Urlaub durch den Gebrauch unser aller Alltagssprache. Vielleicht aber nicht immer und gänzlich. Vielleicht ist es für den Einen und die Andere manchmal nicht leicht, einem Gespräch zu folgen. Und spätestens beim Lesen einer Tageszeitung können Verständnisschwierigkeiten zutage treten. Die Standardsprache jedenfalls ist für zahlreiche Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung bzw. mit Lernschwierigkeiten meist schlicht zu schwierig.
Unsere Standardsprache ist an sich okay, genauso wie jede Fachsprache. Der Astrophysik-Professor hält seine Vorlesungen so wie er es gelernt hat und wie er es gewohnt ist, nämlich seinen Forschungsobjekten und den Kontexten seiner Aktivitäten angemessen. Und der Journalist bereitet seine Themen so auf wie es von ihm erwartet wird, kompakt, prägnant, informativ, vielseitig, objektiv. Doch was, wenn sich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung bzw. mit Lernschwierigkeiten zu Themen hingezogen fühlen und dann wieder von ihnen ablassen, weil sie am Ende als doch zu kompliziert empfunden werden? Könnte man Informationen in „normaler“ Sprache durch solche in vereinfachter Sprache ergänzen?
Dieser Herausforderung stellen sich mittlerweile zahlreiche Vereinigungen und Institutionen speziell im Sozialen oder in dessen Umkreis. Früher oder später mussten sie sich damit auseinandersetzen, wenn sie sich dem Abbau von Barrieren und somit dem Zuwachs an Teilhabe verpflichten. Texte in vereinfachter Sprache empowern, weil Wissen im positiven und konstruktiven Sinn des Wortes Macht ist. Menschen, die verstehen, gelangen in den Besitz von Kenntnissen, erhalten Orientierung und gewinnen mit diesen Kompetenzen an Autonomie, genauso wie Rollstuhlbenutzer/innen umso mobiler werden, auf je weniger architektonische Hindernisse sie stoßen.
Die Vereinfachung von Sprache vollzieht sich konkret in der Verfassung oder in der Übersetzung von Texten. Wie weit eine solche Vereinfachung gehen kann oder soll, ist eine Entscheidung, die von Fall zu Fall zu treffen ist. Für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung bzw. mit Lernschwierigkeiten werden generell Übersetzungen in die so genannte Leichte Sprache gewählt, für die ein ausgeklügeltes und mehrere Ebenen umfassendes Regelwerk vorliegt.
Unabhängig von dieser speziellen Zielgruppe, so besagt eine Statistik, sind vereinfachte Versionen von Texten in Standardsprache im Interesse des Großteils unserer Bevölkerung. Wer keine Leichte Sprache benötigt, profitiert vielleicht von Übersetzungen in die so genannte Einfache Sprache. Zu diesen gehören beileibe nicht nur anderssprachige Tourist/inn/en, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwächen oder Senior/inn/en mit geringer Schreib- und Leseerfahrung. Die Bearbeitung von Texten mit dem Ziel der Vereinfachung bzw. die Verfassung von Texten in vereinfachter Sprache, ob nach den strengen Richtlinien für Leichte Sprache oder nach den weniger strengen Richtlinien für Einfache Sprache, hat also eine enorme inklusive Kraft, deren Einsatz sich lohnt.
Lebenshilfe Südtirol