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Von Tisch zu Tisch

Arbeitsinklusion
Im Café Prossliner

Immer wieder gibt es Köpfe, die ihren Blick in die Zukunft richten und Visionen artikulieren, und Zeiten, die reif werden für diese oder jene Neuerung. So entstanden in Südtirol vor einem halben Jahrhundert die geschützten Werkstätten, und zahlreiche damals so genannte und auf ihr eigenes Zuhause beschränkte Behinderte begaben sich von da an Tag für Tag wie auf täglichen Weltreisen in ihre Einrichtungen, wo gezimmert, gewoben und geflochten wurde. 
Das damals noch Neuartige ist heute fester Bestandteil der hiesigen Sozialarbeit. Zweierlei jedoch ist seit einigen Jahren wiederum schrittweise in Veränderung begriffen, sowohl in den Köpfen als auch institutionell. Zum Ersten begann man anzuerkennen, dass Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung nicht bloß beschäftigt werden, sondern Arbeit verrichten, was den Fokus von der gönnenden Institution auf den/die aktiv sich einbringende/n Mitarbeiter/in verschob. Zum Zweiten begann man, und das in Ansätzen bereits vor etwa 30 Jahren, den Status der geschützten Werkstätten zu relativieren und alternative Arbeitsfelder zu erschließen. Irgendwann wurden öffentliche Ämter und private Betriebe als Arbeitsplätze interessant. Einige Menschen, die früher automatisch in geschützten Werkstätten gelandet und dort beschäftigt worden wären, haben heute eine Anstellung. 
Dort, wo wir lange Zeit den Begriff „Normalisierung“ verwendeten, sprechen wir heute öfter und lieber von Inklusion und Teilhabe, so wie in Bezug auf jeden Lebensbereich auch in Bezug auf Arbeit. Eine der wohl attraktivsten Formen moderner Arbeitsinklusion kognitiv beeinträchtigter Personen ist jene im Gastgewerbe. Die Mitarbeit gestaltet sich abwechslungsreich und ermöglicht eine Vielzahl von Begegnungen. Nicht selten, so ist zu hören, wird zwischenzeitlicher Stress in Kauf genommen, um in den Genuss dieser Vorteile und Annehmlichkeiten zu gelangen. Andererseits erweist sich die Arbeit im Gastgewerbe als nicht jedermanns Sache. Der Abwechslungsreichtum, an und für sich als Waffe gegen Langeweile gesucht und erstrebt, erfordert eine Kombination verschiedenartiger Fertigkeiten, das Begegnen ausgeprägte soziale Kompetenzen. Ein Vergleich mit den traditionellen geschützten Werkstätten ergibt, dass im Gastgewerbe die Herausforderungen und mit ihnen die Gefahren der Überforderung höher sind. Umso wichtiger ist es, dass der wie jeder andere wirtschaftlich kalkulierende Betrieb spezielle soziale Mechanismen einbaut und dabei mit öffentlichen Mitteln unterstützt wird. Kognitiv beeinträchtigte Personen, die im Service, in der Küche, an der Rezeption oder im Housekeeping Dienst verrichten, benötigen gewisse Formen der Begleitung, individuell zugeschnittene Schulungen und sowohl von Seiten der Vorgesetzten wie auch von Seiten der Gäste Verständnis für die eine oder andere Situation, die sich vielleicht ein bisschen anders gestaltet. 

Lebenshilfe Südtirol