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Koordination von Wohnprojekten

Wohnen
Franca Marchetto

Franca Marchetto ist seit ihrem Eintritt als Mitarbeiterin der Lebenshilfe im Jahr 2014 verantwortlich für die Koordination individueller Wohnprojekte. Das gesellschaftliche Leben der Menschen mit Beeinträchtigung hat sich in den letzten Jahren wesentlich weiterentwickelt, so auch das selbstbestimmte Wohnen, und mit 1. Jänner 2022 hat Franca Marchetto die Leitung des Bereichs „Wohnen“ innerhalb der Lebenshilfe übernommen. Von ihr wollte ich erfahren, welche jetzt ihre Aufgaben sind, die den Bereich „Wohnen“ betreffen, und welche ihre gewonnenen Erfahrungen und Perspektiven sind. 

Marchetto: Bis zum 1. Jänner 2022 wurden innerhalb der Lebenshilfe die Bereiche „Arbeit“ und „Wohnen“ von ein und derselben Person geleitet. Nun aber leitet mein Kollege Georg Horrer den Bereich „Arbeit“, während ich für den Bereich „Wohnen“ zuständig bin. Nachdem ich bei meiner Einstellung im Jahr 2014 die Verantwortung für die Koordination individueller Wohnprojekte übernommen hatte, gab es in den letzten Jahren eine Reihe von Entwicklungen. Dies vor allem aufgrund der vielen Netzwerkarbeit, die wir geleistet haben. Es haben sich in dieser Zeit sehr viele interessierte Familien an uns gewandt, doch leider wurden nur wenige Lösungen gefunden. Wir haben keine vorgefertigten Lösungen anbieten können, aber gemeinsam mit den Familien versucht, individuelle Lösungen zu finden. Ein Problem, das dabei auftrat, waren die Finanzierungen. Doch die Erfahrungen, die wir in diesem Prozess gemacht haben, haben uns gezeigt, dass in Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen und privaten Diensten heute doch einiges möglich wird. Seit 1. März dieses Jahres ist zum Beispiel der Beschluss Nr. 1043 der Landesregierung in Kraft, der Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung den Zugang zu einer Finanzierung für ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Diese Finanzierung hatte bis dahin gefehlt. Jetzt stehen wir vor großen Herausforderungen, denn es gibt inzwischen viele Vorstellungen, wie man individuelle Lösungen angehen kann. Auch müssen wir unterscheiden zwischen einfacheren Lösungen, die dort anzuwenden sind, wo Menschen trotz ihrer Beeinträchtigung relativ gute Aussichten auf ein selbständiges Leben haben, und solchen, bei denen Menschen doch relativ viel Unterstützung brauchen. Wenn Menschen viel Unterstützung bis hin zur Pflege brauchen, wird ein Projekt komplexer. Eine weitere Unterscheidung bezieht sich auf die Frage, ob jemand allein oder gemeinsam mit anderen wohnen will. Diesbezüglich konnten wir bis heute einige Situationen lösen, andere noch nicht. Als relativ schwierig erweisen sich erfahrungsgemäß jene Situationen, in denen der Unterstützungsbedarf hoch ist. Dabei ist nicht nur die Eignung der Begleitpersonen wichtig, sondern auch die Garantie einer gewissen Kontinuität. Ich glaube aber, dass sich zahlreiche Familien bloße Zwischenlösungen wünschen. Das sind Schritte, die sie setzen können, um den Ablösungsprozess in Gang zu setzen. Gute Erfahrung machen wir gerade mit dem Projekt „CasaFuoriCasa“. Dabei wird Jugendlichen die Möglichkeit geboten, einige Wochentage mit Übernachtung in einer Wohnung zu verbringen, wo sie das selbständige Wohnen lernen und erleben und dann auch gemeinsam reflektieren können. 

PE: Auch ich glaube, dass beim Ablösungsprozess hin zum selbständigen Wohnen das Bedürfnis der betroffenen Menschen besonders wichtig ist. Ebenso, dass bei Menschen mit schwerer Beeinträchtigung der Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit überwiegt. Daher finde ich, dass ein Platz in einer vollbetreuten Wohngemeinschaft in solchen Fällen angebracht sein wird. Der Wunsch der einzelnen Person ist aber in jedem Fall das Wichtigste, was berücksichtigt werden muss. Nur wenn sich die betreffende Person das selbständige Wohnen ausdrücklich wünscht, wird auch für die Eltern das Loslassen erträglicher. 

Marchetto: Es gibt auch Eltern von Menschen mit schwerer Beeinträchtigung, die sich für ihre Söhne und Töchter das selbständige Wohnen wünschen. Allerdings wollen sie in den gesamten Prozess eingebunden sein. Das ist einerseits nachvollziehbar und verkompliziert andererseits die Abläufe. Viele Eltern haben den Wunsch, ihr Kind in einer kleinen, familiären Wohngemeinschaft zu wissen, wo sie das Recht auf Mitentscheidung haben. Wir versuchen, mit dieser Herausforderung bestmöglich umzugehen und Erfahrungen zu sammeln. 

PE: Ich glaube in diesem Zusammenhang auch, dass uns die unangenehmen Erfahrungen während der Covid-Krise, in der viele Familien eine totale Abschottung erleben mussten, hilfreich sein werden. Wir haben gelernt, dass eine solche Situation nicht mehr eintreten darf. 

Marchetto: Die Covid-Krise hat zu zahlreichen prekären Situationen geführt, auch wenn man hinzufügen muss, dass die Maßnahmen aus Angst um die Gesundheit und die Sicherheit der anvertrauten Menschen getroffen wurden. Tatsache ist, dass kleinere Wohneinrichtungen nach der anfänglichen Verunsicherung schneller zur Normalität zurückgefunden haben als größere. Es liegt auf der Hand, dass wir aus der Covid-Erfahrung gelernt und mittlerweile Erfahrungen zur Verfügung haben, auf die wir zurückgreifen können, wenn wir uns auf neue Projekte vorbereiten und einlassen. 

PE: Woran denkst du, wenn du von neuen Projekten sprichst? 

Marchetto: Ich glaube, dass es wichtig ist, in den verschiedenen Bezirken mit den Familien neue Projekte zu starten. Ich denke dabei an eine Ausweitung der „CasaFuoriCasa“-Idee. Ich stelle mir vor, dass man Probewohnungen zur Verfügung stellen könnte, die man immer wieder für kurze Zeit nutzen kann, um eine sanfte Ablösung von Zuhause zu ermöglichen. Menschen sollen die Gelegenheit haben, bewusst testen zu können, was für sie das Richtige ist, aber auch, wie sie sich selbst in Gemeinschaft erleben. Projekte dieser oder ähnlicher Art sind nur in Netzwerken durchführbar. Die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Institutionen, mit den Sprengeln und den Vereinen vor Ort, wird bei solchen Projekten immer wichtig und notwendig sein. Dieser Vielfalt gerecht zu werden, wird weiterhin unsere große Herausforderung sein, genauso wie die Vermittlung von Kontakten zwischen den einzelnen Familien selbst. Das Modell „CasaFuoriCasa“ von Bozen in andere Städte und Gemeinden hinauszutragen, würde ich mir sehr spannend vorstellen, und ich bin zuversichtlich, dass das Angebot als attraktiv wahrgenommen würde. 

PE: Ich kann mir vorstellen, dass Wohn- oder Lernprojekte dieser Art auch den Erfahrungsschatz des Anbieters vergrößern … 

Marchetto: Das wäre ganz gewiss so. Denken wir aber zunächst und vor allem an die betroffenen Menschen selbst, die eine vielleicht wichtige Lebenserfahrung machen können, im Zuge dessen zu klaren Vorstellungen gelangen und dadurch wiederum befähigt werden, Entscheidungen zu treffen. Ich hoffe sehr, dass sich die Familien die Unterstützung, die sie brauchen, holen, und auch, dass sie diese Unterstützung bekommen. Ebenso wünsche ich mir, dass möglichst viele Familien von ihrem Recht Gebrauch machen, um die finanzielle Leistung „Selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe“ anzusuchen, die einen zusätzlichen Ansporn darstellen müsste, sich mit einer individuellen Wohnfrage intensiver auseinanderzusetzen. Ich glaube jedenfalls, dass unsere Begleitung in Wohnfragen interessanten Herausforderungen entgegengeht, und hoffe, dass unsere Unterstützungsarbeit den Erwartungen unserer Klient/inn/en gerecht wird. 

PE: Danke, Franca, für das spannende Gespräch. Ich wünsche dir und deinen Mitarbeiter/inne/n viel Erfolg bei der Umsetzung wertvoller und zufriedenstellender Wohnprojekte für unsere Mitmenschen mit Beeinträchtigung. 

Lebenshilfe Südtirol