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Mobilität trainieren

Mobilität
Begleitdienst

Seit Jahrzehnten organisiert die öffentliche Hand in Südtirol Transport- und Begleitdienste für Menschen mit Beeinträchtigung. Im Fall von Kindern und Jugendlichen im Kindergarten- und im schulpflichtigen Alter ist dies die Autonome Provinz Bozen in Gestalt des Amtes für Schulfürsorge, bei Erwachsenen, die in den teilstationären Einrichtungen arbeiten, sind es die Sozialdienste der Bezirksgemeinschaften bzw. der Betrieb für Sozialdienste Bozen. Die traditionellen Transport- und Begleitdienste sehen die Bereitstellung von Kleinbussen oder Taxis zur Beförderung sowie von Begleitpersonen vor, die eine Art Aufsichtspflicht zu erfüllen und dafür Sorge zu tragen haben, dass die Fahrten in die Kindergärten, in die Schulen und in die Werkstätten reibungslos ablaufen und die Personen jene Hilfestellungen erhalten, die sie benötigen. 
Eine Beeinträchtigung führt allerdings keinen Automatismus mit sich. Abgesehen davon, dass einschlägige Ansuchen gestellt werden müssen, können Eltern, Direktionen und Ärzt/inn/e/n übereinstimmend zum Schluss gelangen, dass ein Kind, ein/e Jugendliche/r oder ein/e Erwachsene/r trotz seiner/ihrer Beeinträchtigung keinen Sondertransport bzw. keinen Begleitdienst benötigt. Trifft dies zu, so benutzt die Person in den meisten Fällen ein öffentliches Verkehrsmittel. Gemischte Lösungen sind zwar nicht häufig, werden aber zwischendurch gefunden. So wird für das eine und andere schulpflichte Kind zwar ein Begleitdienst, aber kein Transportdienst organisiert. Der/Die Schüler/in benutzt einen Linienbus oder den Zug und wird dabei von einer Person begleitet, die ihm/ihr Orientierungshilfe bietet. Unter den Sozialdiensten haben heuer erstmals jene der Bezirksgemeinschaft Überetsch-Unterland gemeinsam mit Personen, die bis dato einen besonderen Transport- samt Begleitdienst in Anspruch nahmen, ein solches Experiment gewagt. 
Dabei wäre es höchst wünschenswert, wenn ein Mobilitätstraining dieser Art einem größeren Kreis von Personen zur Verfügung gestellt würde, allen voran jenen erwachsenen Personen, die in Werkstätten arbeiten und von denen, wie vermutet werden kann, eine höhere Zahl als vielleicht angenommen das Potenzial mitbrächte, ein solches Training erfolgreich zu absolvieren. Die Sozialdienste der Bezirksgemeinschaft Überetsch-Unterland haben damit begonnen, vier Personen begleitete Linienbus-Fahrten ins Salurner Sozialzentrum Gelmini zuzutrauen. Zweierlei Natur sind die Schritte, die folgen könnten. Der eine ist die Ausweitung dieses Experiments, der andere die Aussetzung des Begleitdienstes. Denn vielleicht werden jene vier Personen nach einer gewissen Übungszeit in der Lage sein, ihren Arbeitsplatz morgens und ihr Zuhause nachmittags vollkommen selbständig zu erreichen. Ob sie diese Bereitschaft irgendwann zeigen werden oder nicht, ist während dieser Übungsphase zweitrangig. Entscheidend ist, dass sich ihnen eine Tür geöffnet hat, hinter der sich allerlei Chancen auf den Erwerb von Kompetenzen und weite Autonomiespielräume eröffnen.
Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung haben im Allgemeinen Schwierigkeiten bei der Orientierung. Dies gilt sowohl für die zeitliche wie für die räumliche Dimension. Auf der anderen Seite steht die angeborene Lernfähigkeit. Es wäre verkürzt, den Fokus ausschließlich auf die Defizite zu legen und Dienste unhinterfragt zu repetieren, nur weil sie seit einer gefühlten Ewigkeit existieren und als selbstverständlich empfunden werden. Das jeweils individuelle Lernpotenzial von Menschen mit Beeinträchtigung wartet darauf, entdeckt zu werden. Wie weit es im Einzelnen reicht, kann man nur herausfinden, indem man gemeinsam experimentiert. 

Lebenshilfe Südtirol