Mit der Pandemie wurde der schon lange bestehende Personalmangel in den Sozialeinrichtungen und im Gesundheitswesen richtig offensichtlich. Vorher war immer wieder darüber hinweggetröstet worden. Sparen im öffentlichen Interesse war angesagt gewesen. Aber nur im Sozialen! Das war auch vielen recht so, solange, bis sie die Auswirkungen dieses Sparens bei sich selbst bemerkten.
Ich kann mich noch gut als Gewerkschafter daran erinnern, wie unsere Wirtschaft immer forderte, dass die Ausgaben für den öffentlichen Dienst eingeschränkt werden müssten, wobei besonders an das Personal gedacht wurde. Dieses Ziel erreichte dann der damalige Ministerpräsident Mario Monti, indem er alle Kollektivvertragserneuerungen im öffentlichen Dienst stoppte, ganz so, als ob die öffentlich Bediensteten aller Sektoren die Hauptschuldigen an allen Miseren Italiens wären. Neuaufnahmen waren lange Zeit auch keine mehr gestattet.
Die Pandemie verschärfte den Personalmangel noch einmal. Heute fehlt es an allen Ecken und Enden. Inzwischen kündigen sogar Mitarbeiter/innen, weil sie den Stress nicht mehr aushalten. Dazu kommen noch Personalführungen, die Kündigungen einfach nur zur Kenntnis nehmen, ohne sich nach den Gründen zu erkundigen oder den Schritt zu bedauern oder sich für die bisherige Mitarbeit zu bedanken.
Seit der Gott sei Dank nur kurzen Amtszeit von Mario Monti werden die Kollektivverträge im Sozialwesen und im öffentlichen Dienst nicht mehr nach gewohnten Abläufen erneuert. Kollektivvertragserneuerungen müssen oftmals angemahnt werden. Damit ist man mit den Gehältern in einem hoffnungslosen Rückstand, der mit keiner Erneuerung aufgeholt wird. Außerdem gibt es keine ordentlichen Kollektivverträge mehr im wirtschaftlichen Sinn. Kollektivvertragserneuerung würde eigentlich bedeuten, einen Inflationsausgleich auf die letzte Periode und eine Reallohnerhöhung zu vereinbaren. Heute bietet man Prämien an, und die kommen nicht regelmäßig! Gehälter und Löhne von 1.100 oder 1.300 € im Monat sind nichts anderes als Ausbeutung. Zum Stressfrust kommen schlechte Löhne dazu! Damit wurde erreicht, dass außer einem außerordentlichen Maß an Berufungsempfinden kein Motiv (mit Ausnahme des langen Wartestands für Mütter) mehr besteht, im Sozial- oder im Gesundheitswesen zu arbeiten.
Kranke und beeinträchtigte Menschen brauchen motivierte und gut gelaunte Pflegekräfte. Die gibt es, wenn diese mit ihrem Arbeitsumfeld und mit dem Einkommen zufrieden sind. Für unsere Kinder und Enkelkinder, für unsere Eltern und Großeltern, wollen wir doch alle das Beste! Dazu gehören die besten Pflegekräfte und Sozialarbeiter/innen sowie die besten Betreuer/innen in den Kindertagesstätten, die etwas kosten dürfen. Von allen erwarten wir uns für unsere Lieben, dass sie kompetente, verlässliche und einfühlsame Betreuer/innen sind. Die Gegenleistung muss entsprechend sein! Und wettbewerbsfähig!
Wenn wir heute von Landesämtern und Sozialeinrichtungen hören, dass für gewisse Dienste (Pflegeeinstufungen, Pflege, Werkstätten, Wohnheime) zu wenig Personal bereitsteht, dann kann man sich nur ärgern! Nicht mit den Beamten des Landes oder mit den Sozialdiensten, sondern mit der Landespolitik, die es in der Hand hat, verhältnismäßig schnell zumindest einige Voraussetzungen zu schaffen, dass es wieder Bewerber/innen für Sozial- und Pflegeberufe gibt, die eigentlich als Zukunftsberufe gelten. Dazu gehören ein guter Ruf des Arbeitgebers und, damit verbunden, in jeder Hinsicht reizvolle Arbeitsplätze. Das demografische Problem ist sicher schwerer zu handhaben. Aber beginnen wir endlich mit den machbaren Lösungen! Am Geld kann es nicht scheitern, weil es für andere, manchmal sehr zweifelhafte Initiativen und Unterstützungen, immer genug Geld gibt. Deshalb dürfen sich die Interessensverbände für Menschen mit Beeinträchtigung und ihre Familien nicht scheuen, auf der Verwirklichung einer vollständigen Inklusion und einer ständigen Betreuung zu bestehen, hier und jetzt! Nicht der Reichtum, sondern das Soziale ist der Kitt der Gesellschaft! Auf dieser Marschroute müssen wir viel mehr politisch denken und konsequent sein, und wir müssen auch lernfähig sein!
Lebenshilfe Südtirol