Unter der Bezeichnung „Diagnostik“ laufen Tätigkeiten, die Vorgängen oder Zuständen Namen zu geben versuchen, die unter gesundheitlichen Aspekten relevant sind, häufig auch mit der Angabe von Ursachen und Aussichten (Prognosen). Es gibt medizinische, psychologische und Pflegediagnosen, die je nach Kontext von Ärzt/inn/en und/oder Psycholog/inn/en, manchmal auch unter Mitwirkung anderen Personals, gestellt werden. Diagnostiziert werden nicht nur körperliche oder psychische Krankheiten, sondern auch Verletzungen, Vergiftungen, Beeinträchtigungen und Hilfsbedarfe. Diagnosen sind im Idealfall eindeutig und definitiv, basieren im Falle von Verdachtsdiagnosen jedoch auf stärker oder schwächer begründeten Vermutungen. Herangezogen werden Befunde wie Symptome oder Syndrome bzw. Untersuchungsergebnisse. Symptome können subjektiv oder objektiv sein. Sie können als nur vom Betroffenen selbst wahrnehmbare oder als von außen feststellbare Zeichen auftreten. Untersuchungen ihrerseits liefern bestimmte Werte und Daten, die zu einer eindeutigen und definitiven Diagnose oder zur Bestätigung einer Verdachtsdiagnose beitragen können.
Diagnosen bedienen sich zu jeder Zeit des gängigen medizinischen bzw. psychologischen Wissens, das seinerseits auf dem Hintergrund der gültigen gesellschaftlichen Gesundheitsnormen akkumuliert wird. Diese Normen variieren von Epoche zu Epoche und von Kulturkreis zu Kulturkreis in ihren Details, gehen aber durchwegs von der Vorstellung des Funktionierens aus. Menschen, die sich körperlich, seelisch und geistig in sämtlichen Lebensbereichen möglichst autonom, anpassungs- und durchsetzungsfähig bewegen, gelten als im weitesten Sinn dieses Wortes gesund. So gesehen ist Gesundheit ein Ideal. Eine Verletzung, eine Vergiftung, eine Krankheit oder eine Beeinträchtigung diagnostiziert zu bekommen, bedeutet, diesem Ideal nicht zu entsprechen. Bei einer fiebrigen Erkältung, bei einem verstauchten Knöchel oder bei einem verdorbenen Magen für ein paar Tage, in anderen Fällen für Wochen, für Monate, für Jahre oder gar zeitlebens.
Das von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene und international anerkannte Klassifikationssystem ICD erfasst neben der Welt der Krankheiten auch jene der Beeinträchtigungen. Mit Hilfe der Kürzel F70, F71, F72 und F73 werden die Schweregrade bei kognitiven Beeinträchtigungen markiert. Asperger-Autismus, Kanner-Autismus, Down-Syndrom und hunderte andere Bezeichnungen: jede bekannte Art und jede bekannte Form von Beeinträchtigung sind namentlich erfasst. Spezialisierte Ärzte kennen diesen Katalog und stellen auf der Grundlage von Befunden ihre Diagnosen. Mit diesen verknüpft werden jeweils spezifische Empfehlungen, welche Schritte therapeutischer und nicht-therapeutischer Natur unternommen werden sollten. Angehörige berichten vielfach über ihre Erfahrungen, die sie im Zuge der Aufklärungen seitens der Ärzteschaften machten. Viele von ihnen sprechen von Schockerlebnissen und der Weigerung, das Mitgeteilte wahrzuhaben. Andere erinnern sich an die Erleichterung, die sie spürten, nachdem sie nach gefühlten Ewigkeiten ohne Anhaltspunkte endlich eine klare Diagnose in Händen hielten, schlagartig Gewissheit hatten und infolgedessen orientiert waren.
Bei Idealnormen ist das Gegenteil der Norm normal. So wie kein Mann dieser Erde wie Mister Universum und keine Frau dieser Welt wie Miss World aussieht, erfreut sich niemand jederzeit bester Gesundheit. Es ist zwar nicht im gleichen Sinn normal, eine Beeinträchtigung zu haben, aber es ist für jede Gesellschaft normal, dass beinahe eine/r von hundert Bürger/inne/n mit einer Beeinträchtigung lebt. Diese Normalitäten ergeben sich aus der banalen Tatsache, dass sich die menschliche Natur, sowohl individuell als auch kollektiv, aufgrund ihrer Komplexität in einem chronisch labilen Gleichgewicht befindet und der Mensch, einmal weniger und seltener, ein andermal mehr und öfter, jedenfalls aber grundsätzlich auf Unterstützung angewiesen ist. Dieser Normalität Rechnung zu tragen, ist Aufgabe eines/r jeden von uns im Umgang mit Seines- und Ihresgleichen und im Besonderen Aufgabe jeder Politik und jeder Verwaltung. Ärzt/inn/e/n, Psycholog/inn/en und andere Bedienstete, die Krankheiten, Verletzungen, Vergiftungen oder Beeinträchtigungen bescheinigen, tun dies, um Ausmaße und Formen der Unterstützung zu definieren. Krankheiten und Verletzungen können durch Operationen und Therapien geheilt, Vergiftungen durch Entgiftungen behandelt werden. Menschen mit Beeinträchtigung erleben zwar auch manchmal chirurgische Eingriffe, brauchen aber als solche nicht geheilt zu werden, weil sie keine Krankheit haben. Bei ihnen besteht die Unterstützung in finanziellen Zuwendungen, Erleichterungen und der spezifischen Organisation zwischenmenschlicher Umgebungen. Dasselbe gilt für betagte Menschen. Alter ist weder eine Krankheit noch eine Verletzung noch eine Vergiftung, sondern ein Lebensabschnitt, in dem schrittweise Beeinträchtigungen und folglich entsprechende Unterstützungsbedarfe normal sind.
Lebenshilfe Südtirol