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Vorbereitungen durch die Schulen

Marlene Kranebitter

PE: Sie leiten in Bruneck die dortige Hotelfachschule. Ich nehme an, dass es doch einige junge Menschen mit Beeinträchtigung gibt, die sich für diesen Bildungszweig entscheiden. Ich schlage vor, wir beginnen unser Gespräch mit einer kurzen Beschreibung der Schule. 

Kranebitter: Die Hotelfachschule Bruneck ist eine berufsbildende Oberschule. Es wird eine Reihe theoretischer Fächer angeboten, die den allgemeinbildenden Teil ausmachen. Den speziell berufsbildenden Teil stellt der Praxisunterricht dar, der sich bei uns in die Sparten Küche, Service und Rezeption auffächert. Zwischen dem zweiten und dem dritten, zwischen dem dritten und dem vierten sowie zwischen dem vierten und dem fünften Schuljahr absolvieren alle Schüler/innen sechs- bis achtwöchige Praktika. Der Schulalltag ist also zunächst für Jugendliche ohne und Jugendliche mit Beeinträchtigung durchwegs derselbe. Bei den Praktika ergibt sich jedoch in den meisten Fällen die Notwendigkeit individueller Abstimmungen. Da die Integrationsmitarbeiter/innen im Urlaub und die Schüler/innen somit betriebsintern begleitet werden müssen, sind die Ressourcen der Betriebe zu berücksichtigen, was in den meisten Fällen zu einer Verkürzung der Praktikumszeit führt. Trotzdem sammeln die Jugendlichen wertvolle Erfahrungen. Sie erhalten über das praktische Tun vor Ort eine gute Förderung und erhalten die Gelegenheit zu üben und zu wiederholen, damit sich das Gelernte festigt. Im Gegensatz zu anderen Schüler/inne/n steht das als drittes vorgesehene Rezeptionspraktikum für Jugendliche mit Beeinträchtigung so gut wie nie auf dem Programm, da die Arbeit an der Rezeption eher heikel und mit einer ganz besonderen Verantwortung verbunden ist. Menschen mit Beeinträchtigung praktizieren also so gut wie ausschließlich in der Küche und im Service. Zwischen diesen beiden wird eher der Servicebereich bevorzugt, weil die dortigen Aufgaben alles in allem leichter zu bewältigen sind. 

PE: Wie viele Jugendliche mit Beeinträchtigung besuchen zurzeit die Brunecker Hotelfachschule? 

Kranebitter: Im vergangenen Schuljahr waren es 11, die meisten von ihnen mit Down-Syndrom, wobei sich die Stärken und die Schwächen dieser Schüler/innen ganz individuell ausprägen. Ein Schüler absolvierte heuer die vierte von fünf Klassen und benötigte schon beim Decken der Tische viel Training und Anleitung. In der fünften Klasse hatten wir einen Schüler, bei dem ich gute Chancen sehe, irgendwo eine Arbeit im Servicebereich zu finden, da er ein anspruchsvolles Praktikum in einer Bar erfolgreich abschließen konnte. Wieder ein anderer, der heuer die dritte Klasse besuchte, scheint überdurchschnittlich fit zu sein, weil er alle Schritte eigenständig ausführt. Insgesamt besuchten im vergangenen Schuljahr vier Menschen mit Down-Syndrom die fünfte Klasse. 

PE: In unserem Vorgespräch deuteten Sie an, dass die Berufsschulen bei den großen Leistungsnachweisen unterschiedlichen Rhythmen folgen, was dazu führt, dass Jugendliche mit Beeinträchtigung je nach Berufsschule unterschiedlich viele Jahre Bildungszeit genießen. 

Kranebitter: Vergleichen wir zunächst die Berufsschulen mit den Gymnasien. Wer sich mit 14 Jahren in ein Gymnasium einschreibt, bleibt dort fünf Jahre lang bis zu seiner Volljährigkeit, egal, ob er mit der Matura abschließt oder nicht. Bei Berufsschulen, die keine Hotelfachschulen sind, werden insgesamt drei Prüfungen abgenommen. Mit der ersten nach dem dritten Schuljahr wird das Berufsbefähigungszeugnis erworben, mit der zweiten nach dem vierten Schuljahr das Berufsbildungsdiplom und mit der dritten nach dem fünften und somit letzten Schuljahr die Matura. In diesen Schulen ist es üblich, dass Jugendliche mit Beeinträchtigung nach der ersten Prüfung mit dem eventuellen Erwerb des Berufsbefähigungszeugnisses aussteigen. Mittlerweile ist die Möglichkeit einer einjährigen Verlängerung vorgesehen, doch die entsprechenden Ansuchen werden je nach Stand der personellen Ressourcen genehmigt oder zurückgewiesen. In der Hotelfachschule betrug die Mindestbesuchszeit immer schon ein Jahr länger. Dies liegt daran, dass vor der Abschlussprüfung anstatt zwei nur eine Prüfung angesetzt wird, und zwar nach dem vierten Schuljahr. Mittlerweile haben wir es nach langem kämpferischen Hin und Her geschafft, unseren Schüler/inne/n einen vollen Verbleib in unserer Berufsschule zu garantieren. Was anderswo ausnahmsweise genehmigt wird, ist bei uns die Regel. Ich halte das für einen großen Erfolg! Vielleicht ist das mit ein Grund, warum sich in den letzten Jahren so viele Jugendliche mit Beeinträchtigung für die Einschreibung in eine Hotelfachschule entschieden haben. 

PE: Ist es Ihres Erachtens zu früh, wenn Jugendliche mit Beeinträchtigung die Schule als 16-Jährige verlassen? 

Kranebitter: Das Wichtigste ist die Inklusion, alles andere kommt danach. Natürlich geht es in der Berufsschule um die Vorbereitung auf einen möglichen Beruf, doch dies ist zunächst zweitrangig. Ich möchte auf alle Fälle vermeiden, dass Jugendliche von Anfang an auf einen Beruf hin getrimmt werden, den sie am Ende vielleicht gar nicht ergreifen wollen. Es gibt ja immer wieder Schüler/innen, egal, ob ohne oder mit Beeinträchtigung, die im Laufe der Bildungszeit umdenken, neue Interessen oder gar Begabungen finden und die Schule wechseln. Jugendliche vom ersten Tag an intensiv gezielt zu trainieren, ist der falsche Weg. Und Jugendliche mit Beeinträchtigung noch intensiver und gedrängter als andere, nur weil sie, wie in anderen Berufsschulen, eine kürzere Bildungszeit haben, erst recht. Das kann nicht der Sinn einer Oberschule sein. Wenn ich in unserem Kontext von Inklusion spreche, meine ich, dass wir zu garantieren haben, dass jede/r Einzelne so lange wie möglich dabei ist. Theoretischer Unterricht in der Gemeinschaft, Ausflüge, kleine Feiern, die Maturareise und anderes mehr sind für alle da. Eine Überkonzentration auf das Berufstraining diesseits der Praktika widerspricht dem Inklusionsgedanken, weil eine solche zur Zunahme des Sonderunterrichts führen würde. 

PE: Wie beurteilen Sie generell die gegenwärtigen Chancen von Menschen mit Beeinträchtigung, im Gastgewerbe Fuß zu fassen? 

Kranebitter: Jede einzelne Person hat ihre individuell ausgeprägten Stärken und Schwächen. Als ich kürzlich privat in einem Restaurant zu Gast war, konnte ich beobachten, wie ein junger Mann mit Down-Syndrom im Tandem mit einem begleitenden Kellner in beeindruckend sicherer Manier Bestellungen entgegennahm und servierte. Im Allgemeinen ist mir bewusst, dass sich zwischen der Bildungszeit und dem möglichen Berufsleben häufig Lücken öffnen, die nicht leicht zu schließen sind. Manche Personen schaffen es in der Privatwirtschaft, andere in öffentlichen Institutionen, wieder andere vielleicht oder zumindest vorläufig weder da noch dort. Grundsätzlich glaube ich, dass die öffentlichen Institutionen zahlreiche Möglichkeiten haben, Menschen mit Beeinträchtigung einen Arbeitsplatz anzubieten. Auch wir selbst unterstützen Abgänger/innen unserer Schule, indem wir ihnen, zumindest zur Überbrückung, einen Arbeitsplatz als Verwaltungsassistent/inn/en zur Verfügung stellen, wo sie unter anderem Kaffee für unsere Mitarbeiter/innen zubereiten und auf diese Weise etwas von dem bei uns Gelernten anwenden können. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich und mit mir das gesamte Lehrkräfteteam am Wohl unserer ehemaligen Schüler/innen interessiert sind, den Kontakt mit ihnen und ihren Angehörigen aufrechterhalten und mit dem Arbeitsmarktservice Austausch pflegen. Unser gemeinsames Engagement beginnt in der Schule, endet dort aber nicht. 

Lebenshilfe Südtirol