Martin Nagl ist seit einigen Jahren Leiter des Arbeitsverbunds im Haus Slaranusa der Lebenshilfe in Schlanders. Von ihm möchte ich mehr über die Arbeitssituation in der Werkstatt und außerhalb dieser erfahren. Dazu habe ich ihn zu einem Gespräch eingeladen.
PE: Danke, Martin, dass du dich zu diesem Gespräch über die Arbeitssituation eurer Inklusionsmitarbeiter/innen in den verschiedenen Arbeitsbereichen bereit erklärt hast. Kannst du mir kurz eure Situation beschreiben?
Nagl: Grundsätzlich besagen die Regelungen in Südtirol, dass die Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigung in sozialen Einrichtungen zwei Aspekte hat: jene in der sozialpädagogischen Tagesstätte und jene in der geschützten Werkstatt. In der Werkstatt arbeiten Menschen, die eine gewisse Selbständigkeit vorweisen, während jene in der sozialpädagogischen Tagesstätte mehr Unterstützung benötigen. Trotzdem unterteilen wir die Personen nicht in zwei Kategorien, sondern bemühen uns um eine einheitliche Form der Begleitung. Aus diesem Grund führten wir auch den Namen „Arbeitsverbund“ ein. Egal, welche Möglichkeiten ein Mensch mitbringt, er findet in unserem Haus eine Tätigkeit, die er ausführen kann. Wir bieten verschiedene Bereiche an, in denen Gruppen von vier bis fünf Personen miteinander arbeiten. Diese Gruppen, die in unserem Haus arbeiten, sind die Montagegruppe, die Flechtergruppe, die Tischlergruppe, die Nähgruppe, die Webergruppe, die Wachsgruppe, die Kreativgruppe und die Teegruppe. Wir begleiten aber auch drei externe Gruppen. Es ist uns sehr wichtig, dass sich so viele unserer Mitarbeiter/innen wie möglich außerhalb unseres Hauses betätigen und anderen Menschen begegnen. Eine von diesen ist die dreiköpfige Gemeinde-Gruppe, die im Auftrag der Gemeinde Schlanders die Aufgabe hat, unser Dorf sauber zu halten. Die Mitarbeiter sammeln auf den Straßen, in Parks und auf Spielplätzen weggeworfenen Müll ein und rechnen von den Bäumen abgeworfenes Lauf zusammen. Sie begegnen dabei immer wieder Menschen, die sich mit ihnen unterhalten und sich dankbar zeigen, in einem gepflegten Ort leben zu können. So erleben unsere Mitarbeiter immer wieder schöne Würdigungen. Die zweite ist die Hoppe-Gruppe. Eine der zahlreichen Niederlassungen dieser in erster Linie Türbeschläge herstellenden Firma befindet sich in Laas. Unsere fünfköpfige Hoppe-Gruppe wird täglich mit einem Kleinbus dorthin gebracht. Sie arbeitet in einer Fertigungsinsel und nimmt in der betriebseigenen Mensa ihr Mittagessen ein, wobei es immer zu Kontakten kommt. Unsere Mitarbeiter/innen gehen einer realitätsnahen Arbeit nach und erleben Inklusion. Die Beziehung zwischen der Lebenshilfe und der Firma ist gut. Wir werden zum Beispiel jährlich zu deren Weihnachtsfeier eingeladen. Beim dritten externen Projekt handelt es sich um den von uns so genannten Dorfladen. Wir haben im Zentrum von Schlanders ein Lokal angemietet, in dem wir die in unserem Arbeitsverbund gefertigten Produkte zum Kauf anbieten. Die dort tätigen Mitarbeiter/innen rotieren ständig, weil es uns wichtig ist, dass alle die Erfahrung einer Arbeit mitten in der Dorfgemeinschaft erleben können.
PE: Ihr beschäftigt also Mitarbeiter/innen in den Gruppen eures hauseigenen Arbeitsverbunds und andere in drei verschiedenen Gruppen außerhalb eures Hauses. Kannst du mir die jeweiligen bürokratischen Wege beschreiben, die hier beschritten werden müssen? Welcher ist der Weg von der jeweiligen Familie in eure Werkstatt und welcher jener von der Werkstatt in die Arbeitsplätze außerhalb des Hauses?
Nagl: Unser wichtigster Partner auf diesen Wegen ist die Bezirksgemeinschaft Vinschgau. Diese hat den allgemeinen Überblick und organisiert das meiste. Grundsätzlich ist es so, dass die Menschen, die von uns aufgenommen werden, direkt von der Schule zu uns kommen. Während der letzten beiden Schuljahre werden die Schüler/innen nämlich schon dahingehend beobachtet und begleitet, welche ihre Stärken und ihre Schwächen sind und wo sie ihre Fähigkeiten am besten einsetzen könnten. Dies alles, damit der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt gut gelingt. Aus diesen Gründen erfolgen auch unsere frühzeitigen Kontakte zu den Schulen. Schüler/innen absolvieren bei uns flexible Praktika in Begleitung ihrer Lehrpersonen. Sie können je nach Bedürfnis einmal in der Woche oder auch eine ganze Woche lang täglich zu uns kommen. Am Ende weist uns die Bezirksgemeinschaft Vinschgau die Personen zu. Für den Fall, dass wir gerade keinen freien Platz haben, werden die Personen in eine Warteliste eingetragen. Junge Menschen kommen aber nicht immer von der Schule zu uns. Es gibt auch solche, die erst kürzlich nach Schlanders gezogen oder für längere Zeit zu Hause geblieben sind und plötzlich um einen Werkstattplatz ansuchen, da die Eltern sie, meist aus Altersgründen, zu Hause nicht mehr betreuen können. Doch auch hier geht der formale Weg über die Bezirksgemeinschaft Vinschgau, die abklärt, welche Schritte sie empfehlen will. Es gibt ja neben der Option Werkstatt auch individuelle Arbeitsbeschäftigungsprojekte mit entsprechender Begleitung. Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen, dass ich die Arten und Weisen der Zusammenarbeit sowohl mit den Familien als auch mit der Bezirksgemeinschaft Vinschgau sehr schätze. Dies ist angesichts der Komplexität bürokratischer Vorgaben sehr erfreulich.
PE: Steht Mitarbeiter/inne/n eurer Werkstatt prinzipiell in einem zweiten Schritt der Weg zu einem anderen Arbeitsplatz offen? Gibt es hier vielleicht schon Beispiele?
Nagl: Es ist auch hier die Bezirksgemeinschaft Vinschgau, die mit einer so genannten und vorher schon kurz angedeuteten „Individuellen Vereinbarung für Arbeitsbeschäftigung über die Sozialdienste“ einen eventuellen Übergang eines Mitarbeiters bzw. einer Mitarbeiterin unseres Arbeitsverbunds in einen Betrieb organisiert. Die Person muss dabei bestimmte Voraussetzungen erfüllen, allen voran die Fähigkeit, selbständig den Arbeitsplatz zu erreichen. Auch eine Reihe anderer Kompetenzen wie Ausdauer wird verlangt. Wir können selbst Praktikumsplätze empfehlen, doch die Praktika dürfen nicht länger als drei Monate dauern. Diesem Konzept liegt allerdings das Problem inne, dass unsere Mitarbeiter/innen fast immer eine Begleitung brauchen. Eine solche ist leider oft nicht möglich. Es bräuchte viel mehr Praktikumsbegleiter/innen, von denen es heute viel zu wenige gibt. Von den Betrieben selbst kann man diese Arbeit nicht verlangen, schon auch deshalb, weil diese Begleitpersonen eine gewisse pädagogische Schulung brauchen.
PE: Du hast mir schon viel Interessantes erzählt. Trotzdem möchte ich noch erfahren, wie du die Zukunft eures Arbeitsverbunds siehst. Habt ihr hier Programme, Konzepte, Visionen?
Nagl: Das Grundlegende, das mir dazu einfällt, ist, dass Menschen, die zu unserem Personal gehören, solche sein sollen, die mit der richtigen Einstellung zu unserer Arbeit stehen, beobachten können, kreativ und hellhörig sind und überall selbständig mitdenken und mitsehen. Solche, die auch hinausschauen und zum Beispiel erkennen, was die Gesellschaft draußen braucht und wo die besonderen Fähigkeiten unserer Betreuten konstruktiv eingesetzt werden können. Wir brauchen Menschen, die offen sind für Neues, die die Bereitschaft der Zusammenarbeit mitbringen, die immer auch mitüberlegen, auf welchen Wegen und mit welchem interessanten Vorsatz wir uns aus unserem Haus hinaus in die Gesellschaft hineinbewegen können. Wir haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die von uns begleiteten Menschen so zahlreich und so bald wie möglich in die Gesellschaft außerhalb unseres Hauses eintauchen und draußen wertvolle Erfahrungen sammeln können. Wir sind nicht dazu da, eine Parallelgesellschaft heranzubilden und zu zementieren. Visionen? Es wäre schön, wenn die Gesellschaft die Bereitschaft zur Aufnahme unserer Leute weiter steigern und sich so mit einer echten Inklusion identifizieren könnte …
PE: Kannst du dir vorstellen, euch mit Schulen oder einzelnen jungen Menschen in Verbindung zu setzen, mit dem Ziel, diese dazu zu bewegen, einen Teil ihrer Freizeit mit euch anvertrauten Menschen zu verbringen oder sie auch nur manchmal in der Werkstatt zu besuchen? Dies vielleicht im ersten Moment nur, um diese jungen Leute für eine für sie wenig bekannte Welt zu öffnen?
Nagl: Gerade an dieser Frage haben wir in der Zeit vor der Covid-Sperrung gearbeitet. Wir haben Schulen zu uns eingeladen, gemeinsame Projekte erarbeitet und ausgeführt. Die Pandemie hat dem Ganzen dann einen Riegel vorgeschoben. Wir wollen wieder damit beginnen, sobald uns offiziell die Möglichkeit dazu geboten wird. Es ist uns ein großes Bedürfnis, die Welt mit dem bekannt zu machen, wer und was wir sind. Wir wollen unsere Lebenshaltung zeigen und weitergeben, wie wir handeln. Dazu gehört auch das personenzentrierte Arbeiten. Wer uns kennen lernt, findet vielleicht genau bei uns jene Arbeit, die ihm/ihr entspricht. Wir brauchen kreative, streckenweise auch unkonventionell denkende Menschen mit der Fantasie für neue Lösungen auf immer wiederkehrende Fragen. Menschen mit Beeinträchtigung haben Talente, die es zur Bereicherung der Gesellschaft zu erkennen, zu fördern und einzusetzen gilt. Genau das macht unsere Arbeit so spannend und interessant. Und was interessant ist, macht auch Spaß!
PE: Ich finde sehr schön, was du gerade gesagt hast und wie du es gesagt hast. Deshalb möchte ich unser Gespräch gerne hier abschließen und es wirken lassen. Ich danke dir aus ganzem Herzen für dieses menschlich schöne und aufschlussreiche Gespräch. Ich wünsche dir und deinen Kolleg/inn/en, aber auch all den Menschen, die ihr begleitet, eine gute Zeit, und möge eure Kreativität nie versiegen und euer Einsatz viele gesunde Früchte tragen!
Lebenshilfe Südtirol