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Ein Stück weit …

Theater
Theatergruppe

Theater ist eine Kunstform, bei der die eine Seite darstellt und die andere betrachtet. Einen wesentlichen Unterschied zum Film stellt die Bühne dar, einen weiteren der direkte zeitliche wie räumliche Kontakt zum Publikum. Mit dem Sprechtheater, dem Musiktheater, dem Tanztheater und dem Puppentheater werden herkömmlich vier Sparten unterschieden. Das Sprechtheater artikuliert sich als Komödie, als Tragödie oder als Mischform, das Musiktheater als Oper, Operette oder Musical, das Tanztheater deckt sich mit dem, was wir auch Ballett nennen, und beim Puppentheater kommen Utensilien zum Einsatz, denen selbst Rollen zugewiesen werden. Die jeweiligen Darsteller/innen nennen sich Schauspieler/innen, Sänger/innen, Tänzer/innen und Puppenspieler/innen, jeweils begleitet von Regisseur/inn/en, Dirigent/inn/en, Choreograf/inn/en und zahlreichen anderen Kolleg/inn/en mit verschiedensten Funktionen. Überschneidungen der klassischen Sparten sind aber in der modernen Theaterpraxis eher die Regel denn die Ausnahme, ganz abgesehen von den so genannten, bereits vor Jahrzehnten erfundenen Multimedial-Spektakeln. 
Zum Theater von Menschen mit Beeinträchtigung, in der deutschsprachigen Literatur meist bündig „Behindertentheater“ genannt, sind zunächst vier Aspekte festzuhalten. Zum Ersten wirken Menschen mit Beeinträchtigung fast ausschließlich in Produktionen des Sprechtheaters (Schauspiels) und/oder des Tanztheaters mit, so dass diese beiden Sparten eindeutig im Mittelpunkt stehen. Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Besetzung der Ensembles. Es gibt solche, die ausschließlich aus Menschen mit Beeinträchtigung zusammengesetzt sind, und solche, bei denen Menschen mit und Menschen ohne Beeinträchtigung als permanente oder als Ad-hoc-Teams zusammenarbeiten. Der dritte Aspekt bezieht sich auf das Selbstverständnis der Theatergruppen, wobei verstärkt eine ausdrückliche Abgrenzung gegenüber therapeutischen Maßnahmen festgestellt werden kann. Und zum Vierten ist es heute nicht mehr sinnvoll, „professionelles“ und „Behinderten“-Theater, „professionelle“ und „beeinträchtigte“ Darsteller/innen voneinander abzugrenzen, weil Theater von Menschen mit Beeinträchtigung begonnen hat, neue und höhere Ansprüche zu stellen. 
Natürlich gibt es Menschen mit Beeinträchtigung, die so ganz nebenbei Theater spielen. Sie arbeiten beispielsweise in einer Einrichtung und werden von einigen ihrer Bezugspersonen bei der Erarbeitung und Einübung eines Stücks begleitet. Sie tun dies, weil sie sich zu einer Abwechslung zu ihrem Werkstattalltag animieren lassen und ihrer Spiellust freien Lauf lassen wollen, in derselben Art, wie sie sich auf einen Fußballplatz begeben, einen Ausflug machen oder sich an einer Grillfeier beteiligen würden. Theaterspielen ist auf dieser Ebene eine Freizeitbeschäftigung neben anderen, im besten Fall ein Hobby.
 Professionelles Theater von Menschen mit Beeinträchtigung kann also dort beginnen, wo es das bloße, zwischenzeitliche und austauschbare Freizeitvergnügen übersteigt und sich anderswo als in einer mit therapeutischen Maßnahmen besetzten Ecke positioniert. Professionell betrieben werden kann Theater von Menschen mit Beeinträchtigung ab dem Moment, wo es das Zentrum von deren Aktivitäten bildet, ob dauerhaft oder auch nur für eine bestimmte und wohl definierte Zeitspanne. Manche Personen beteiligen sich an einem spezifischen Projekt, andere erarbeiten sich einen Platz als Schauspieler/innen und/oder Tänzer/innen innerhalb einer Vereinigung, die vielleicht im Kontext des Sozialen entstanden ist und sich in der Folge zu einer autonomen Organisation entwickelt hat. In letzterem Fall wird das Theater zum Ort, wo ein Beruf im vollen Sinn dieses Wortes ausgeübt wird.
 Die Professionalität einer Theatergruppe misst sich sowohl am Resultat von deren Arbeit wie auch an den internen Abläufen während des Einstudierens, Einarbeitens und Probens. Die Inszenierungen, die jeweiligen Spitzen der Einlernpyramiden, ernten Anerkennung oder stoßen auf Ablehnung, werden prämiert, verrissen oder ignoriert. Wie sich die Interaktionen zwischen Schauspieler/inne/n bzw. Tänzer/inne/n und ihren Regisseur/inn/en im Vorfeld einer Aufführung gestalten, bleibt dem öffentlichen Auge verschlossen. Doch was Professionalität dort bedeutet, kann man sich vorzustellen versuchen, indem man die Komponenten dieser Interaktionen nebeneinanderstellt. Zu diesen Settings gehören Spielende, Leitende und Inhalte, allesamt in einen Prozess involviert, eine geeignete und gut ausgestattete Umgebung vorausgesetzt. 
Mit dem/der Schauspieler/in und dem/der Regisseur/in treffen zwei Personen und somit möglicherweise unterschiedliche Persönlichkeiten bzw. Temperamente aufeinander. Die Professionalität der Arbeit einer Theatergruppe steht und fällt mit dem Gelingen des Dialogs, in den mannigfache, teils gegensätzliche Momente, zum Beispiel Ideen und Vorstellungen, einfließen können. Professionelle Leitung geht jedenfalls zwei Extremen aus dem Weg. Sie vermeidet die absolute Vorgabe und verhindert das anarchische Chaos. In Positionen in der Nähe der Mitte, die nur mit gemeinsamen Anstrengungen zu finden sind, entsteht (im Gegensatz sowohl zur harten Arbeit als auch zum leichten Spiel) die spielerische Arbeit, mit der sich im Optimalfall alle Beteiligten identifizieren können. Spontaner Eigensinn ist nicht der Alleskönner, weil Vorgaben wichtig sind, und Strukturierung ist nicht der alleinige Ratgeber, weil Freiheit, Experimentierlust und individuelle Interpretation eine bedeutende Rolle spielen. Findet ein Theaterteam diese keineswegs selbstverständlichen Gleichgewichte, so arbeitet es mit einer professionellen Kombination aus Planung und Flexibilität. Über die Qualität des Gezeigten entscheidet dann das kritische Publikum. 

Lebenshilfe Südtirol