Die Tradition der Freiwilligenarbeit lebt, wie in vielen Ländern der Welt, auch in Südtirol wie eh und je. Zahlreiche Menschen engagieren sich außerhalb ihres Berufs für eine Sache, von der sie überzeugt sind. Solches Engagement findet man aber auch bei Jugendlichen und Pensionist/inn/en, die noch nicht bzw. nicht mehr berufstätig sind. Manchmal, aber keineswegs notwendigerweise, ähneln die Einsatzfelder den gegenwärtigen, zukünftigen bzw. vergangenen hauptamtlichen Tätigkeiten.
Freiwillige Arbeit kann formeller oder informeller Natur sein. Als formell wird Freiwilligenarbeit dann bezeichnet, wenn sie innerhalb einer Institution bzw. Organisation geleistet wird. Formelle freiwillige Arbeit kann als im engsten Wortsinn ehrenamtliche in der Übernahme von Funktionen in Gremien oder in der konkreten Ausübung einer gruppierungsspezifischen Tätigkeit bestehen. Es kommt auch vor, dass Personen innerhalb ein und derselben Institution bzw. Organisation in beiderlei Weisen aktiv sind. Informelle freiwillige Arbeit dagegen vollzieht sich außerhalb jeglichen formellen Rahmens. Regelmäßige oder punktuelle Nachbarschaftshilfe beispielsweise spielt sich in diesem Sinn „still“ ab und entzieht sich auf weite Strecken dem Blick der Öffentlichkeit.
Formelle freiwillige Arbeit ist mindestens und hauptsächlich in vier unterschiedlichen Bereichen angesiedelt: „Kunst & Kultur“, „Zivilschutz“, „Sport“ sowie „Soziales & Gesundheit“. Wenn, was statistische Daten belegen, in Südtirol rund jede/r vierte Bürger/in, ob Jugendliche/r oder Erwachsene/r, freiwillige Dienste leistet, so trifft es ebenso zu, dass letztgenannter nicht den Hauptbereich darstellt. Dass eine unentgeltliche Mitarbeit in einer Musikkapelle, bei der Feuerwehr oder bei einem Fußballklub für den Einen und die Andere attraktiver ist als eine Mitarbeit in einer sozialen Vereinigung, ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass Tätigkeiten in Kontexten der genannten Art mit einer farbenfrohen Tradition, mit festlicher Geselligkeit und am Ende auch mit höherem Prestige im jeweiligen engeren Gemeinwesen verknüpft sind. Der Sektor „Soziales & Gesundheit“ hat, abgesehen vielleicht vom beinahe täglich sichtbaren Weißen Kreuz, gegenüber den anderen insofern keine permanente Präsenz im Bewusstsein der Bevölkerung, als seine Bedeutung tendenziell erst in Zeiten persönlich erlebter Not deutlich wird.
Die Welt des Ehrenamts bildet trotz aller Differenzierungen eine Einheit und verdient als Gesamtheit Anerkennung. Kein Bereich tritt zu anderen in Konkurrenz, doch jeder wählt je eigene Wege, um für sich selbst zu werben. Außerdem formuliert jeder Bereich je eigene Kriterien für qualitativ hochwertiges Ehrenamt, und selbstverständlich ist dessen qualitative Hochwertigkeit überall unabdingbar.
Das Besondere an der Freiwilligenarbeit im Sozialen ist deren Ursprung in der karitativen Aktion, bei der Menschen anderen Menschen etwas zeitlich oder monetär Messbares ohne messbare Gegenleistung zur Verfügung stellen. Die karitative Aktion schafft eine durch und durch komplementäre Beziehung, bei der die eine Seite besitzt und abgibt, während die andere bedürftig ist und dankend nimmt. Außerdem und insbesondere ist die karitative Aktion charakterisiert durch undefinierte und offene Voraussetzungen. Sie kann vollzogen werden oder nicht, kann großzügig oder knauserig sein und ist an keinerlei Rahmenbedingungen gebunden. Qualitativ hochwertige freiwillige Arbeit im Sozialen kann daher nicht in der karitativen Aktion wurzeln. Sie ist, zumindest für den gewählten Zeitraum, verbindlich und orientiert sich an der Professionalität der inzwischen professionell gewordenen sozialen Arbeit überhaupt. Aus diesem Grund ist eine qualitativ hochwertige freiwillige Mitarbeit in einer sozialen Vereinigung eine professionell begleitete. Freiwillige Mitarbeiter/innen kennen, wenn sie beispielsweise in einer für und mit beeinträchtigten Menschen wirkenden Vereinigung tätig sind, das einschlägige Leitbild, vielleicht sogar Auszüge aus der „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“. Sie haben sich mit dem Prinzip „Selbstbestimmung“ auseinandergesetzt und ein Gefühl für den Unterschied zwischen dialogischen Begegnungen auf Augenhöhe und entmündigend wirkenden Verhaltensweisen entwickelt.
Freiwillige Mitarbeiter/innen stellen eine bedeutende Ressource in sozialen Vereinigungen dar. Und es ist anzunehmen, dass bereitgestellte, sowohl auf ethischen Grundsätzen wie auch auf politisch verankerten Bestimmungen basierende Verhaltens- und Handlungsrichtlinien ungleich motivierender sind als nicht vorhandene. Freiwillige Mitarbeiter/innen brauchen Orientierung, und für die Vereinigung selbst ist freiwillige Mitarbeit nur dann sinnvoll, wenn sie unter qualitativen Aspekten dasselbe Niveau wie die hauptamtliche aufweist bzw. mit dieser im Einklang steht.
Mit welchen Mitteln um Ehrenamtliche geworben wird, ist jeder einzelnen Gruppierung selbst überlassen. Mit welcher Motivation und in welchem Ausmaß Angebote wahrgenommen werden, liegt seinerseits im Ermessen der potenziell interessierten Personen. „Kunst & Kultur“, „Zivilschutz“, „Sport“, „Soziales & Gesundheit“ und andere: jeder Bereich hat in unserer Gesellschaft seine je besondere Eigenart und Wertigkeit. Wo immer es einen Menschen vorrangig hinzieht, er ist dort willkommen, sowohl mit den Stärken, die er mitbringt, als auch mit den Lern- und Unterstützungsbedürfnissen, die er anbringt.
Lebenshilfe Südtirol